Essen vom Dach – Urban Farming

„Meine Zucchini kauf ich auf dem Dach nebenan.“

Amerikaner können das schon mal sagen: Urban Farming ist in New York zum Beispiel eher ein Begriff als bei uns.

Eagle Street Farm in New York City als Vorbild für Dachfarmen Urban Farming Berlin
Eagle Street Farm in New York City als Vorbild

Salatherzen und Kürbis in einer Millionen Stadt anbauen, zum Verzehren oder Verkaufen, klingt super, ist gut für die Umwelt und uns. Weshalb aber auf dem Dach? Und ist das nicht irgendwie ungesund mit dem ganzem Smog? Wozu brauchen wir das überhaupt?

„Bis 2050 benötigen wir in Deutschland ca. 70% mehr Lebensmittel, verlieren aber gleichzeitig 25% unserer Ackerflächen“ – Jörg Finkbeiner, Architekt bei Partner&Partner Architekten

Rund 16,6 Millionen Hektar Acker haben wir in Deutschland, das ist so groß wie Österreich – Zwei mal. Fallen davon nun wegen der Klimaerwärmung bis 2050 rund 4 Millionen Hektar weg, also die Fläche der Schweiz, dann gibt es 3 Möglichkeiten. 

  1. Wir importieren mehr Kartoffeln und Tomaten aus Spanien oder Frankreich, brauchen längere Transport- und Kühlketten, was unserer Umwelt jetzt schon schadet. Verschlimmern also den Prozess weiter.
  2. Wir suchen nach Innovativen Ideen Flächen für den Anbau zu schaffen, um weniger Transportwege und Kühlketten zu haben, ernähren uns regional und versorgen uns damit selbst für unser Wohl und das der Natur.
  3. Wir schauen, ob wir etwas mit Astronautenessen machen können. 

Gebäudeintegrierte Landwirtschaft nennen sie es. Wir können aber auch sagen, wir bauen Essen an, und zwar im Haus. Jörg Finkbeiner, Architekt und Partner der Firma Dachfarm erzählt uns im Interview, was wir tun können, um unsere Stadt grüner zu gestalten, warum wir noch nicht so weit sind und was alles möglich ist mit Urban Farming:

Urban Farming mit Dachfarm

Sara Wolff gründet 2014 das Unternehmen „Dachfarm“, mit einem Master of Science in Pflanzenwissenschaften und lebenslanger Erfahrung im Agrarbetrieb ihrer Eltern. Und das in Berlin, einer Stadt die offen für alle neuen Ideen ist. Nun stellt sich aber die Frage: Wo hab ich denn mal einen Acker auf dem Dach gesehen? Nirgends.

Es gibt so etwas bisher nur in Oberhausen, den Altmarktgarten; und selbst der ist noch nicht fertig gestellt. Das ist die Realität.

Wir brauchen Öffentlichkeitsarbeit, für Deutsche ist das alles neu, da möchte niemand Geld reinstecken. Investoren bauen lieber noch ein Loft obendrauf und verdienen damit mehr Geld, anstatt eine Dachfarm zu bauen.“

Jörg Finkbeiner

Aber ist es nicht auch fair mehr Geld für eine Wohnung zu bezahlen, in der ich auf dem Dach meine eigene Grünfläche habe? Salat und Kräuter anbauen kann? So eine Dachfarm schafft ein ganz neues Gefühl beim wohnen. Ja, sogar mehr Lebensqualität. Der MDR hat sich ja sogar einen Garten ins Fernsehen geholt. Pflanzen erhöhen Lebensqualität, steigern Arbeitsmoral und Nutzpflanzen einer Dachfarm kann man sogar essen. 

Infarm Gewächshaus in Berlin Edeka
Infam Gewächshaus in Berlin

Urban Farming ist also schon mal eine fantastische Idee für die Menschen. Und obendrauf spart es sogar noch Geld. So eine Farm auf dem Dach zu haben kann kostengünstige Vorteile haben: „Du schließt eine Wasser-Recycling-Anlage an das System an und kannst zum Wässern dein Duschwasser verwenden. Wir duschen ja auch ziemlich heiß, 40 Grad, die Wärme kannst du zum Beheizen der Farm benutzen, das ist im Winter auch praktisch in Kombi mit Gebäudewärme. Dann kann man auch im Winter weiter anbauen.“ Sagt Jörg Finkbeiner. 

Das sind ja alles fantastische Vorteile und hört sich ganz innovativ an, wenn man sogar betrachtet man kann Hausabfälle zum Düngen benutzen.

Dachfarm arbeitet ja mit vielen Partnern zusammen, Universitäten, Architekturbüros, viele schlaue und engagierte Menschen also. Die haben herausgefunden, dass es rund 2 Millionen Quadratmeter potenzielle Fläche auf den Dächern Berlins zum Bebauen gibt. Wir in Deutschland verstehen das als rund 280 Fußballfelder. Dass nicht jedes Dach eine Farm werden kann, hat mehrere Gründe: Einerseits lohnt es nicht die kleinen Flächen zu bebauen, normale Altbauten zum Beispiel. Investoren haben kein Interesse, da Sie eine Farm als Bauelement nicht kennen. Und der normale Stadtbewohner muss sensibilisiert werden, damit sich vielleicht auch Gemeinschaften einsetzen ihren eigenen kleinen Garten auf dem Dach zu erhalten.

„Man muss einmal sehen, dass es funktioniert und, dass es gar nicht weh tut.“

Jörg Finkbeiner

Da haben wir nun so viel Fläche zur Verfügung und wissen nichts damit anzufangen. Was Ich selbst tun kann, um Dachfarmen möglich zu machen: bilde eine Gemeinschaft mit deinem Haus oder deiner Nachbarschaft und fragt gemeinsam Dachfarm an, denn die können dann einschätzen, ob sich das Haus für Urban Farming eignet. So kommen wir einer grüneren Stadt sehr viel näher. Wenn es nicht funktionieren sollte, dann müssen wir auf die Supermärkte warten. Deren Hausdächer sind ideal sagt Jörg Finkbeiner; bepflanzt man nur ein Dach ist die Nachfrage des Angebauten für 3-4 andere Supermärkte gedeckt. Ohne, dass diese etwas dazu kaufen müssen. Regionale Produkte klingen dann noch mal ganz anders, nicht wahr?

Mit einer Dachfarm spart man also Kosten durch weniger Abwasser und das Essen ließe sich sogar verkaufen. Man kann das System so weit integrieren, dass das Abwasser, Hauswärme, Regenwasser und sogar Biomüll des Hauses zur Pflege der Anlage verwendet werden können. Wir sparen Transport- und Kühlketten und tun der Umwelt wirklich etwas Gutes, denn Transporte sind sehr belastend. Allein ein zugestelltes Paket in Deutschland sorgt für rund 600 Gramm CO2 Ausstoß. Dafür kann ich meinen Laptop ca. 50 Stunden laufen lassen, eh ich da auf den gleichen Wert komme. Und wir reden hier nur von Transport, nicht von der Produktion der Lebensmittel.

Leider halte ich dafür noch keine Kreuzberger Zucchini in der Hand.

Nick, Redakteur und Stadtgärtner

Urban Farming mit Infarm

Infarm wiederum gibt es bereits 1220 mal und davon rund 400 Standorte in Deutschland, deshalb gibt es auch schon Ergebnisse: rund 40 Millionen Liter Wasser. Wenn wir schon über Kreuzberg reden; davon könnten sich alle Kreuzberger 2 Tage lang mit Wasser versorgen, trinken, kochen, duschen, Mund ausspülen. Und dazu noch rund 3 Millionen Transporte haben Sie eingespart und dass das die Umwelt schützt haben wir ja bereits geklärt. 

Was genau macht Infarm jetzt nun? Die coolen, kleinen Gewächshäuser in Supermärkten, das machen die. Von Bergkoriander bis zu Caravel Salat, alles wird durch Technologie mit Licht und Wasser versorgt. Das System erkennt auch wann die Pflanzen mal mehr und mal weniger Licht brauchen. Vertical Farming ist ihr Ansatz, also eigentlich ist das Urban Farming nur senkrecht, denn die Pflanzen werden auf mehreren kleinen Etagen in den Gewächshäusern angebaut.

Es ist frisch, regional, geht nicht auf die Umwelt und noch dazu supercool, denn die Pflanzen kriegt ihr so gut mit Wurzel nur, wenn ihr selber anbaut. Naja, oder bei Infarm kauft.

Saubere Luft mit Green City Solutions

Urban Farming hat viele Vorteile, aber Green City Solutions macht etwas, was Urban Farming in Deutschland noch nicht kann: Luft säubern. Das Problem liegt auf der Hand, Feinstaub, der sich im Körper absetzt und jedes Jahr rund 400.000 Menschen in Europa zum vorzeitigen Tod führt. Dazu kommen noch die 130.000 Hitzetoten, denen mit moosigen CityTree’s schon geholfen gewesen wäre. Jeder der den Unterschied von Stadt- und Landluft schon mal gerochen hat weiß, dass die Stadt eher ein Platz zum Arbeiten und Shoppen ist. Denn mit Lebensqualität kann sie nicht prahlen, unsere Stadt.

Was passiert also in dieser stylischen Anlage? Stellen Sie sich ihre Lunge vor, viel Fläche auf wenig Raum – das, ist das Moos. Feinstaub fliegt nun in den CityTree, durch die Lamellen der Anlage in das Moos und bindet sich in dieses. Es wird sozusagen “gefressen”. Voll kann die Anlage auch nicht werden, denn Sie setzt den Feinstaub ja wieder in Biomasse um und filtert so weiter unsere Luft, genial dieses Moos oder nicht?

Green City Solutions baut also Anlagen mit Moos im Kern, welche die Luft reinigen und sogar runterkühlen. Moos speichert bis zu 20 mal so viel Wasser wie es wiegt und kann das an die Umgebung auch wieder abgeben. Das sind ca. 2,5 Grad kühlere Sommer die wir davon erwarten können und wer sitzt schon gern bei 40 Grad Plus im Schatten auf dem immer heißen Beton. Wer finanziert denn aber dieses Kamel? Neben städtischen Förderungen hat sich das Unternehmen einfallen lassen in die Rückseiten der Tower Werbetafeln einzubauen, die verkauft werden können. Ja, das bringt mir als Fußgänger nichts, allerdings können darin auch Internethotspots eingebaut werden. Das klingt schon ansprechender, nicht wahr?

Tolle Idee, es wird auch umgesetzt, aber wie kommt das auch zu mir? Naja, bei solchen Technologien ist es wie bei der Dachfarm: desto mehr Leute es wissen und desto mehr Aufmerksamkeit es bekommt, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir einen Moosfilter schon bald vor unserem Haus sehen – für frischere Luft und mehr Lebensqualität.

Wo man den fairsten Kaffee herbekommt und ihr sogar den Bauern in Brasilien kennen lernen könnt und die Umwelt unterstützt, das lest ihr hier.

Hier mehr Inspiration zum Thema – von Herzen empfohlen:

Tags:

Nick Käseberg

Nick Käseberg