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Goldenes Naltschik

moschee

Das Hotel Naltschik steht leer, vor allem die beiden Tschetschenien Kriege haben dafür gesorgt, dass die Touristen Angst haben, sich hier zu erholen und deswegen ausbleiben. Naltschik liegt ungefähr vier Autostunden von der Tschetschenischen Hauptstadt Grosny entfernt. Für Russland ist das so wenig, wie die 30 Kilometer von Berlin nach Potsdam, für uns.

Mich hat es 11 Stunden gekostet, von Anapa ins rund 400 Kilometer entfernte Sotchi zu kommen. Es ging am Meer entlang, Berge auf und ab, in die berühmte Schwarzmeer-Küstenstadt. Jetzt, nach einem weiteren 16 Stunden-Aufenthalt im Zug, bin ich in Naltschik gelandet, der Hauptstadt von Kabardino Balkarien. Es handelt sich um eine Republik, direkt neben Nord-Ossetien, das kennt inzwischen ja jeder. Hinter den Bergen, die ich von meinem Fenster aus sehe, beginnt Georgien und gleich neben uns liegt die kleine Republik Karatschajewo-Tscherkessien.

fsb

In Kabardino Balkarien leben - man wird es ahnen - Kabardinen und Balkaren, aber auch Russen, russische Russen. Denn Russen sind ja, streng genommen, alle hier. Natascha zeigt mir die Stadt, ihren einjährigen Sohn Rustam haben wir bei ihrer Mama zu Hause gelassen. Die Sonne brennt, als hätte sie einen Soll zu erfüllen, die Luft ist trocken.

Wir schlendern an der neuen Moschee vorbei. Es ist Freitag, der wichtigste Moslemische Tag der Woche, viele Menschen gehen ein und aus. Kleine Gruppen von Männern haben es sich vor der Moschee, im Schatten der Bäume, gemütlich gemacht und unterhalten sich. „Schau da,“ flüstert Natascha und zeigt auf eine Frau mit Kopftuch “die nennen wir Chupa Chups.” Das sieht man hier nicht oft, obwohl rund 55 Prozent der Einwohner Kabardino Balkariens Muslime sind. In der Sowjetunion war es natürlich unmöglich, ein Kopftuch zu tragen. Erst jetzt fangen die muslimischen Frauen langsam damit an, zumindest hier.

Natascha ist Russin, also Orthodoxe Christin, ihr Mann Oleg ist Kabardine und Muslim, geht aber nicht in die Moschee. „Ein Freund von Oleg hat gesagt, wenn Du nicht in die Moschee gehst, kommst Du nicht in den Himmel. Oleg hat geantwortet: wenn da nur die Leute sind, die sich an alle Regeln halten, will ich lieber in die Hölle. Bei den normalen Menschen ist es lustiger.“ Erzählt Natscha, wir lachen. Die Moschee gibt es erst seit etwa sechs Jahren. Ob die Gemeinde die Moschee selbst finanziert hat, will ich wissen. Nein, das Geld kam von Arsen Kanokow, dem Präsidenten von Kabardino Balkarien. Damals war er allerdings noch nicht Präsident, sondern bisnismen, der Präsident werden wollte. Was der Mann hier noch alles bezahlt hat, werde ich im Laufe des Tages noch erfahren. Es hat sich zumindest gelohnt für ihn.

see

Neben dem Denkmal für Maria, der Kabardinischen Ehefrau von Ivan dem Schrecklichen, steht das FSB-Gebäude (s.o.). Im Oktober, vor drei Jahren, wurde es von wahabitischen Terroristen beschossen, Putin selbst hatte daraufhin angeordnet die Stadt zu schließen und Panzer geschickt. Praesident Kanokow war damals erst ein paar Wochen im Amt und ueberfordert.

„Das waren Tschetschenische Terroristen, stimmts?“

„Ach nein,“ Natscha winkt ab. „Das waren unsere eigenen so genannten Freiheitskaempfer, wir haben auch welche von denen.“

Kurz war Naltschik damals in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt, dann aber wieder ganz schnell aus diesem verschwunden. Als Natascha für drei Jahre in Moskau gewohnt hat, haben selbst Russen gefragt: „Naltschik, wo ist das denn?“ „Neben Grosny“ hat sie dann gesagt und alle haben genickt.

Das FSB Gebäude ist übrigens wieder voll instand gesetzt, ganz zerstört war es nicht, es mussten nur neue Fenster eingesetzt und die Fassade ausgebessert werden.

fluss

Natascha selbst war damals in Moskau, aber ihre Schwester Vera hatte schreckliche Angst. Als sie ihre Tochter Lisa vom Kindergarten abholen wollte, waren alle Kinder verschwunden. Die Erzieher hatten sich mit den Kindern in einer Art Tunnel versteckt. Erst, als der erste Sturm vorbei war, sind sie wieder heraus gekommen. Nataschas Mutter Nina dagegen hatte keine Angst. Warum, will ich wissen. „Ach“ Natascha zuckt mit den Schultern, Punkt, Gespräch beendet. So eine Reaktion habe ich auch oft bekommen, als ich mit Menschen in Russland über den jüngsten Krieg sprechen wollte. Man gewöhnt sich einfach an alles.

Ich bin erstaunt, von der Schönheit der Stadt. Schade, dass hier keiner mehr herkommt. Am Nachmittag brennt die Hitze nicht mehr erbarmungslos, die Luft wird frischer, wir sind umgeben von Bergen. Im Kurort-Gebiet der Stadt gibt es mehrere Seen, in malerischen Cafés kann man Eierkuchen (Blini) und Tee bestellen, ein kleiner bunter Sessellift hängt über allem.

restaurant

Das bombastische Restaurant daneben hat Arsen Kanakow bezahlt, die neue Orthodoxe Kirche auch.

In einem Lunapark mit Karussells und Achterbahnen essen wir Blini mit Kartoffeln und Käse, die heissen hier Chitschin . Dazu bekommen wir viel zu süßen Tee und Kaffee. Muslime um uns herum sitzen auf Plastikstühlen, trinken Bier und Wodka, von Radikalisierung keine Spur.

fussball

Wir laufen zum Naltschik, dem Fluss. Von irgendwoher kommt arabische Popmusik, manchmal hoert man tuerkische oder kabardinische. Das klingt dann wie eine Mischung aus Tuerkisch, Arabisch und Russisch.

Naltschik heisst uebrigens kleines Hufeisen. Die Berge um die Stadt sind angeordnet wie ein Hufeisen.

Jungs spielen Fußball auf einer Wiese, während die Sonne untergeht, Menschen baden im Fluss. Eine wunderbar orange-goldene Abendstimmung hängt mittlerweile über allem. Es fahren kaum Autos, nur ab und zu kommt eine Marschrutka. Zufällig grade wieder, als uns die Füße vom Laufen wehtun.

2 Kommentare zu „Goldenes Naltschik“

  1. Bulgariana sagt:

    Danke für den interessanten Bericht, man sagt ja, dass die Bulgaren ursprünglich von dort stammen.

  2. Hostel Blog » Hostelinfos » Hostel und Backpackerziel: Russland sagt:

    [...] Zeit hatte ich ja bereits einen tollen Blog über Russland, nähmlich Via Moskau mit vielen lesenwerten Beiträgen entdeckt, nun, da mir heute wieder ein interessanter Artikel [...]

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