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Wolgograd - wie es sich anfühlt

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Ich kann die Zugdurchsagen hören, wenn ich einschlafe, wenn ich aufwache. Es scheint immer die gleiche Frau zu sein, ich verstehe nicht, was sie sagt. Wenn sie mich um sechs das erste Mal weckt, riecht es schon nach Herbst. Um zehn dann nicht mehr, die Sonne hat den schmutzigen Asphalt erhitzt und es ist wieder Sommer. Wenn ich aus dem Fenster kucke, sehe ich die russischen Farben, weiß, rot, blau. Weiß, blau, rot, sie beleuchten nachts die Brücke. Darunter stehen die Züge. Ich wohne im Bahnhof. Es heißt Komnata Otechat, Erholungszimmer und ist billig, eine Art Youth Hostel für Erwachsene, duschen kostet extra. Unten, vor meinem Fenster, gehen die Männer in einer dunklen Ecke urinieren, weil sie denken, dass sie niemand sieht. Ich rauche aus dem Fenster und sehe sie.

Die Cafés hier sind schön, die Häuser auch. Nach der Schlacht um Stalingrad wurden sie alle wieder aufgebaut, wie frueher. „Aus Trotz.” sagt der fremde Deutsche aus Gelsenkirchen, den ich in einem Café treffe. Er und seine Eltern haben hier Ahnengräber gesucht und gefunden, natürlich, das ist es, was Deutsche hier tun. Dass die Russen Frieden wollen, sagen sie, als wäre das außergewöhnlich. Ich nicke.

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Zum Soldatenfriedhof soll ich gehen, sagen sie auch. Ich beobachte lieber Emo-Kids, wie sie knutschen. Sie treffen sich auf einem Spielplatz, sind etwa 17, 18, 19, trinken Bier, hören Panic! at the disco aus ihren Mobiltelefonen und lachen, laut und viel. Sie tragen Totenköpfe, Leder und Vans. Gleich daneben ist das Blues-Rock-Café, in einem Keller. An den Waenden haengen Bilder von Bands, direkt vor mir Blondie und Kiss. Hier laufen die Scorpions, die Beatles und La Bouche. Genau, die eigenartige 90er Jahre Euro-Dance-Band, mit der schönen schwarzen Frontfrau, fast vergessen.

Wolgograd ist bunt und schön. In Wolgograd sehe ich die fetten, alten, hässlichen Männer mit den schönen, jungen, reizenden Frauen. In Wolgograd sehe ich junge Menschen, die Spaß am Leben haben. Ich treffe Aljoscha aus Sibirien, der um 13 Uhr Wodka trinkt und mit mir über den Krieg gegen Georgien sprechen will, er ist nicht mehr jung. Er sagt, dass er georgische Freunde hat, dass er Saakaschwili nicht versteht und die USA auch nicht. Dass die ganze Welt Russland ignoriert.

Die Frau im Blumenladen ignoriert mich, als ich frage, wo hier die Post ist, das macht mich wütend. Aber das Pärchen mit den stylischen Klamotten erklärt mir, wo das Internet-Café ist. „Das ist weit!” sagt sie. „Quatsch! Zehn Minuten zu Fuß!” sagt er, wir lächeln. Ich finde das Café, aber es ist geschlossen. Cafebesucher in Wolgograd kuemmern sich einen Scheiss um Politik, das Georgische Restaurant, an der gruenen Allee im Zentrum ist am Sonntag bis auf den letzten Platz besetzt. Das Brot hier ist heiss, mit Kaese gefuellt und heisst Chatschapuri.

Wenn ich sage, dass ich sie nicht verstehe, schreien die Frauen im Komnata Otechat. Ich lege mir den russischen Satz zurecht: „Wenn sie schreien, verstehe ich auch nicht besser Russisch!”, benutze ihn aber nicht, naechstes Mal vielleicht. Sie denken, ich verarsche sie, weil meine Aussprache okay, aber mein Wortschatz klein ist. Am zweiten Tag hören sie auf zu schreien.

1 Kommentar zu „Wolgograd - wie es sich anfühlt“

  1. ajgul sagt:

    Unsere Hochzeitsparty wird auch in einem georgischen Cafe sein, wo wir einmal schon zusammen waren!!!

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