Moskau - wie es sich anfühlt
Katharina die Große wollte ja immer Amüsemang.
Unter anderem hat sie sich dafür in Moskau einen Garten bauen lassen. In dem sollte es nie langweilig sein und damit das auch der letzte Blödmann versteht, hat sie ihn „Nicht langweiliger Garten“ genannt. Ne Skutschni S(ß)ad.
Das heißt, wie wir ja wissen, nicht, dass Schlampen keinen Zutritt haben oder dass dort kein Gebäck verzehrt werden darf. Man möge sich dort bitte lediglich amüsieren, möglichst gut. Das tat ich, mit zwei Freunden. Von denen weiß ich dass es mal einen Christian aus München gab. Der kannte nicht den Unterschied zwischen den beiden russischen „S“. Das zweite wird gesprochen, wie ein „ß“. Und Christian hat immer „nicht langweiliger Po“ gesagt, statt Garten.
Wir saßen da nun also auf unseren Sads, im ßad, tranken Bier und sie erzählten mir, dass sie nicht zur Wahl gegangen sind, um Medwedew zu wählen. Sie hatten nämlich verschlafen, den ganzen Tag, weil sie die Nacht durchgefeiert hatten. Aber wählen in Russland macht sowieso keinen Spaß und außerdem wird Hedonismus hier überhaupt noch klein geschrieben, sagen sie. Ich weiß noch gar nicht, wie Hedonismus hier geschrieben wird. Die Sonne geht unter, an der Moskwa gehen die Lichter der Bars an, die Brücke leuchtet grün.
Sven Väth hatte Spaß hier, hat er meinen Freunden das letzte Mal gesagt, als er da war. Ihnen und den rund 800 anderen Menschen im leeren Gastank. Wenn in Russland die Gastanks leer sind, wird gefeiert, offenbar. Warum ist eigentlich noch mal der Gaspreis an den Ölpreis gekoppelt? Und warum darf man in Moskau nicht mehr im Freien Bier trinken, wo kommen wir denn da hin?!
Und ist es nicht nett von den Tschetschenen, dass sie fast alle Medwedew gewählt haben? Darüber spreche ich mit einem anderen Freund, der währenddessen Borschtsch in sich hinein schaufelt und sich darüber aufregt, dass er so wenig Smetana (Sour Cream) dazu bekommen hat. Deswegen lebe er also im größten Land der Welt, um in diesem Restaurant so wenig Smetana zu bekommen. In Relation zu diesem Schälchen Smetana müsste er in Luxemburg leben, oder in Monaco, denke ich. Er sagt, Tschetschenien gehört zu Russland, was denn sonst, blöde Frage. Wahrscheinlich hat er Angst, dass er noch weniger Smetana bekommt, wäre es anders.
In einem Electro-Club, in der Innenstadt gibt es einen Türsteher fürs Klo. Er macht mich wahnsinnig. Lässt Männer rein, die nach hinten zum Pissoir dürfen, die Frauen lässt er genüsslich stehen. „Eta diskriminatie!“ ruft ein Mädchen hinter mir. „Nein, die Männer sind schneller.“
Hat der ne Ahnung, was ich während eines 3 Minuten Songs alles machen kann. Aber hier laufen keine 3 Minuten Songs, sondern elektronische 8 Minüter.
Die Freundin, die mich hierher gebracht hat, glaubt, dass es noch sehr lange dauern wird, bis es in Russland besser wird - alles. Die Reichen geben an, die Journalisten schreiben schlecht und nie halten die Autos an, wenn man über die Straße will, nie. Ihre Freunde schon, die sagen, sie halten an, aber das sind so wenige, die fallen kaum auf. Und so ist es mit allem in Russland. Die Guten, die Kreativen, die Engagierten, es sind einfach zu wenige. Sagt sie. Sie ist sehr gestresst und sehr müde, sagt, diese Stadt macht Menschen fertig. Moskau tötet Kreativität, Moskau laugt aus. In Moskau will man nur noch schlafen, weil es so anstrengend ist, von einem Ort zum anderen zu fahren, weil es überall voll ist und laut. Alle rennen hier, weil man nie Zeit hat.
Die Jungs am Nachbartisch wollen von mir fotografiert werden, sie trinken Wodka. Was ungewöhnlich ist, weil man in Moskau Cocktails, Longdrinks und Sekt trinkt oder Bier. Wodka ist was für die, die auf Bären reiten, Landvolk. Wir gehen Heim, sie fühlt sich bedroht, überall und ständig. Findet alles creepy, lebt seit acht Jahren in dieser Stadt. Ich finde alles normal und wie in jeder anderen großen Stadt, um 2 Uhr 30. Der Taxifahrer tut, was er soll, für einen normalen Preis. Ich freue mich darüber.
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