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Träume

Erklärbär: Kwartirniki sind Konzerte, die in Wohnungen (Kwartir) stattfinden. Zu Sowjetzeiten waren Rock- und andere Konzerte, die nicht auf Parteilinie lagen, verboten. Deswegen traf man sich heimlich in Wohnungen, die Bands spielten für ihre Freunde. Manchmal war der Andrang aber auch so groß, dass Karten verkauft werden mussten. Nur wer jemanden kannte, der jemanden kannte… bekam Karten für diese Underground-Events. Rockkonzerte sind zwar nicht mehr verboten, Kwartirniki gibt es aber trotzdem noch. Ich war bei einem Kaffee-und-Kuchen-Kwartirnik in Samara.
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Treffpunkt: 17 Uhr vor dem Kulturpalast. Eine kleine Gruppe von Menschen hat sich versammelt, mehrer Autos stehen bereit. Warum eigentlich schon so früh? Will ich von Oksana wissen. Weil das Kwartirnik etwas außerhalb statt findet, heute Sonntag ist und morgen wieder alle arbeiten müssen. Sehr clever. Andrej steigt in ein Auto mit ein paar Jungs ein. Oksana und ich sitzen bei Dima im Auto, neben mir Julia. Sie sieht aus wie Liz Hurley.

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Wir fahren tatsächlich eine Weile, die Häuser sind hier flach und aus Holz, haben traditionell russische Verziehrungen, es riecht nach Rauch. Hunde bellen in Vorgärten, die Straße ist nicht asphaltiert. Wir halten vor einem Haus, an dem noch gebaut wird, gehen in den Garten, Oksana begrüßt den Wachhund, im Nachbargarten rupft eine Oma Unkraut. Der Eingangsbereich ist die Küche, sie ist voll mit durcheinander redenden Menschen, sie kochen Brombeer-Tee und knabbern kleine selbst gemachte Küchlein und Pfannkuchen (oder für nicht-Berliner: Berliner). „Willst Du schwarzen, grünen oder Früchtetee?” fragt jemand. Jemand anderes antwortet: „Ich will heißen Tee.” Im Wohnzimmer werden Instrumente gestimmt.

Nachdem die Gästeliste abgestrichen ist, geht’s los. Das Wohnzimmer ist bereits fertig renoviert, auf dem Laminatboden liegen Kissen, rechts und links stehen Bänke, auf denen sich die Gäste dicht an dich drängen. Am Fenster ist die Bühne. Ein Keyboard, ein Kontrabass, ein Verstärker und ein paar Menschen stehen vorne. Aber eigentlich sollen alle irgendwie mitmachen, die Zuschauer in den ersten Reihen haben Bongo-Trommeln und Percussion-Instrumente in den Händen. Ein kleiner sympathischer Entertainer, dessen Namen ich leider vergessen habe, übernimmt die Moderation. Er begrüßt uns und sagt, dass wir alle Träume haben, die wir verwirklichen sollten. Unter diesem Motto steht dieses Kwartirnik. Der Mann am Kontrabass erzählt, dass er Drogen genommen hat, jetzt trinkt und raucht er nicht, hat dieses Haus selbst gebaut, eine Familie gegründet und seine Musik. Er hat seine Träume verwirklicht. Es ist sehr still während er spricht, dann applaudieren wir.

Die erste Band heißt Golden Strings und spielt Jazz. Die Frontfrau singt mit leiser Stimme dream a little dream of me. Es folgt ein russischer Liedermacher mit rauer Stimme. Er wollte Apfelsinen kaufen und hat einen lustigen Song daraus gemacht, er isst gerne Pelmeni und singt auch darüber.

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In der Pause wird wieder Tee gekocht und durcheinander geredet. Über dem Klo steht mit silberner Sprühfarbe Welcom. Mittlerweile hat auch Oksana eine Erkältung bekommen, es ist ihr erster Tag, sie sitzt auf dem Sofa und fiebert ein wenig.

Nach der Pause sehen wir einen Trickfilm namens Kiwi! Der kleine Vogel, der nicht fliegen kann, baut sich Bäume in einen Abhang, hämmert, nagelt, ist unglaublich niedlich dabei. Am Ende setzt er sich eine Fliegerbrille auf, springt den Abhang hinunter und fällt - nein, fliegt zwischen den Bäumen hindurch. Er hat sich seinen Traum vom Fliegen erfüllt.

Wasilissa singt Blues, mit einer unglaublichen schwarzen Stimme, die für Blues gemacht wurde. Auch sie hat früher Drogen genommen, jetzt singt sie lieber. Ich kriege eine Gänsehaut. Es folgt eine Band, die russischen Rock spielt und dann das große Finale, mein Lieblingspart. Leonid, den ich beim Sunsay-Konzert kennen gelernt habe, hat eben noch Kontrabass gespielt und singt jetzt. Ich liebe seine Stimme flüstert mir Oksana zu.

Fast alle Musiker stehen und sitzen jetzt vorne am Fenster zusammen und jammen. Die beiden Saxophone unterhalten sich, rechts gibt vor, links antwortet. Dann zeigt Leonid auf den Mann am Keyboard, das Orchester soll ruhiger werden, verstummt dann fast ganz. Keyboardsolo. Es folgt ein Gitarrensolo. Leonid holt sich die vier Sängerinnen nach vorne, sie improvisieren textlos. Wassilissa sticht hervor, sie und Leonid liefern sich ein Stimm-Battle, singen, unterhalten sich und spielen Theater - alles ohne Worte. Wir lachen.

Danach dürfen wieder alle drauf hauen, Bongos, Keyboard, Kontrabass, Gitarre, Saxophon, Leonid singt. Alle harmonieren perfekt miteinander, vergessen alles um sich herum, sind in die Musik gefallen, haben sich heute einen kleinen Traum erfüllt.

2 Kommentare zu „Träume“

  1. Ekatharina sagt:

    Diane,
    alle, die am 21. September in Kwartirnik waren, haben deinen Artikel sofort gelesen. Ich bin die Drummerin aus Golden Strings, und unsere “Frontfrau” Anna hat “Traeume” sogar auf deutsch gelesen(uebrigens sie kennt fast kein Deutsch). Die andere haben es mit “promt” uebersetzt, dafuer entstanden komische Uebersaetzungsmissverstaendnisse, z.B. Frontfrau - die Frau, die auf dem Krieg in der erste Reihe kaempft….))))Scaeme mich fuer mein Deutsch - nicht besonders toll< aber ich wollte fuer die Aufmerksamkeit danken, vom Gesicht allen, die am 21. dabei waren!
    P.S. schade, dass ich nicht wusste, dass du Deutsch sprichst! ich sprech sooogern! kommst du im Winer auf unsere folgende Kwertirnik-Versammlung?))

  2. Diane sagt:

    Leider bin ich im Winter in Sibirien unterwegs und kann nicht kommen. Aber ich fands wirklich schoen bei euch und ich finde toll, dass ihr sowas macht! Nicht aufhoeren damit. Das war wirklich ein sehr schoenes Kwartirnik! Ich danke EUCH!

    Gruesse nach Samara aus Petersburg

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