Sprache = Denken?
Sprache ist lustig. Sprache ist auch Kommunikation, wenn man sie nicht perfekt bedienen kann. Sprache kann abendfüllend sein. Meine russischen Freunde bringen mir lustige, neue Schimpfwörter bei. „PIANAJA ROSCHE“ (rollendes R, langes o weiches sch), ich wiederhole es, alle lachen. Ich finde es irgendwie poetisch, tatsächlich heißt es aber so was wie „besoffenes Gesicht“, nur sehr grob, ich soll das lieber nicht im Russischunterricht benutzen. In meinen Ohren klingt es, wie ein Kosewort, ich wiederhole es ständig, die anderen kriegen sich gar nicht mehr ein. Im Russischen kann man leicht die Wörter schreiben (pisát) und pinkeln (písat) verwechseln, es liegt an der Betonung. Das ist mir natürlich einmal im Russischunterricht passiert, die Lehrerin wurde ganz nervös.
Meine Freundin Aigul macht aus Mücke und Fliege Flücke und ich freu mich, es klingt tatsächlich wie ein richtiges deutsches Wort. Wir benutzen es seitdem als Oberbegriff für fliegendes, nervendes Getier.
Wenn wir uns unterhalten, tun wir das immer auf Deutsch. Sie ist Übersetzerin.
„Aber ich muss doch Russisch lernen!“
„Ja, aber nicht mit mir!“ Sie hat Recht. Wenn wir uns sehen, müssen wir schnell Informationen austauschen, vor allem Frauen-Informationen. Geschichten aus unserem Leben eben. Aber auch über Politik, Bücher, Musik und Banalitäten. Wir reden beide gern und viel.
Aber Sprache ist natürlich mehr als lustig, Sprache bestimmt, wie wir denken. Wir sitzen zusammen am Wolgastrand in der Sonne. Aus mir jetzt unerfindlichen Gründen sprechen wir über Fotos, im Allgemeinen. Ich hole meinen Reisepass aus der Tasche: „Mein biometrisches Foto sieht schrecklich aus, man darf ja nicht lächeln. Ich sehe aus, wie eine tschetschenische Rebellin.“Ich zeige es ihr. Aigul sieht das Foto an, dann mich, schweigt. Überlegt, schaut. Ich ahne, was sie sagen wird.Sie tut es: “Tschetschenische Rebellin… das sagt man nicht bei uns. Diese beiden Wörter im Russischen benutzt man einfach nicht hintereinander. Es ist, als passen sie nicht zusammen. Tschetschenen sind Terroristen, keine Rebellen, auf Russisch.“
Viktor Timtschenko schreibt in seinem Buch „Putin und das neue Russland“ dazu über Putins Rolle:
„Auch in Sachen Gehirnwäsche ist der Mann geübt. […] Zu Jelzins Zeit als Schande von der Mehrheit der russischen Bevölkerung gebrandmarkt, mutiert dieser erbarmungslose Krieg in der öffentlichen Meinung in Russland zum gerechten Kampf gegen Verbrecher, die mit harter Hand wie Ungeziefer zerquetscht werden müssen. Die russischen Medien haben wie auf den Wink eines Zauberstabs hin aufgehört, die tschetschenischen Kämpfer, Freischärler oder Separatisten zu nennen. Sie bezeichnen sie nur noch als Terroristen.“
Die deutsche Journalistin Gabriele Krone Schmalz setzt dagegen. In ihrem Buch „Was passiert mit Russland?“ schreibt sie dazu unter anderem:
„Was unterscheidet einen saudi-arabischen oder afghanischen oder serbischen Terroristen von einem tschetschenischen? Oder: Wenn der deutsche Verteidigungsminister sagt: wir führen keinen Krieg gegen das serbische Volk, und der russische Präsident sagt: Wir führen keinen Krieg gegen das tschetschenische Volk, und der amerikanische Präsident sagt: Wir führen keinen Krieg gegen das afghanische oder das irakische Volk – wer ist dann glaubwürdig und warum?“
Ich weiß, absolute Objektivität ist ein Märchen, es gibt einfach zu viele Wahrheiten. Und vor allem: zu viele Fragen.
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12. Mai 2008 um 12:39 Uhr
Dein Passfoto wuerde hierher besser passen? Findest du nicht? )