Sexueller Prestige-Rock
Eigentlich wollte ich zu einem Indie-Rock Konzert, stattdessen bin ich bei einer TV-Aufzeichnung gelandet. Aber ich musste nicht jubeln, zumindest hat mich niemand dazu aufgefordert.
Ich hatte Kostja, einen befreundeten Keyboarder, gefragt, wo was wann los sei, er hat wiederum Anton, seines Zeichens Drummer, gefragt und der hat in sein schlaues Buch geschaut. In dem notiert er alle wichtigen Musik-Termine in Moskau.
Er selbst kommt nicht mit, weil er grade mit einem Producer zusammen an seiner eigenen Musik rumschraubt, Anton mach auch Indie-Rock und Funk.
Kostja und ich sind also allein und viel zu spät.
Wir rennen schwitzend durch den Moskauer Abend. Hier war ich zwar noch nie, aber es sieht aus, wie fast überall, große Werbetafeln, große Wohnhäuser, große Straßen. Die Metrostation heißt Straße des Jahres 1905. Was war da noch mal? „Die erste Revolution in Russland, die, die nicht erfolgreich war. Die Vorgänger-Revolution von der „Richtigen“ 1917.„
Kostja redet mit mir, rennt und schaut auf seinem Handy einen Stadtplan an, er war auch noch nie hier. Wir haben noch 7 Minuten und ich muss pullern, meine Stimmung droht zu kippen. „Such eine orange Tür.“ Ich suche eine orange Tür. Wir finden eine orange Tür, müssen unserer Ausweise vorzeigen, aber keinen Eintritt zahlen und eine Toilette gibt’s auch. Die Welt ist wieder wunderbar.
Zuerst sehen wir eine Frau. Sie trägt ein graues Samtkleid, rote High Heels aus Lack und spielt Geige. Rechts und links von ihr Bassist und Gitarrist, hinten der Drummer. Hier hat alles seine Ordnung. Hören tun wir klassischen Rock, der Sound der Gitarre ist schlecht, die Riffs sind bekannt. Aber Schlagzeug und Bass klingen gut. Es ist keine Revolution und es wird wohl keine Metrostation nach dieser Band benannt werden, aber die Geige macht den Rock interessant und Christinas Stimme ist wundervoll. Mal klar, dann kraftvoll und dreckig.
Zwischen den Songs moderiert sich eine kleine, sympathische Frau vom Musiksender O2 um den Verstand. Ich versteh nur, dass man Alben von Sjur gewinnen kann. Kostja sagt, ich soll mir eine coole Frage an die Band einfallen lassen, dann bekomme ich ein Album. Ich will Christina nur fragen, warum sie so einen schlechten Klamotten-Geschmack hat, sonst fällt mir nichts ein, jedenfalls nichts Kreatives. Verschwitzte, heiße Luft verklebt Hirne.
Drummer Roma bekommt nach jeder Antwort einen Lacher, er ist eigentlich Chirurg. Bassist Sergej ist Physiker, Gitarrist Jewgenij Jurist und Christina ist einfach Christina, aus der Ukraine, mit Akzent. Die Moderatorin fragt, wie sie ihre Musik denn bezeichnen würden. Roma sagt: „Als sexuellen Prestige-Rock, Christina ist sexy und wir lieben Rock.“ Ein bisschen sexistisch zwar, aber lustig. Christina ist auch leider zu sehr Mädchen, um darauf irgendwas zu erwidern, sie schlägt die Augen nieder und kichert. Schade.
Ein bizarrer, aber interessanter Abend, schöne Musik gehört (zu hören hier) und den Musiksender O2 kennen gelernt.
Und immer dran denken: nach der Revolution ist vor der Revolution!
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