Samstagnachmittag
in Moskau. Wir stehen unter Itar Tass. Das Logo der Nachrichtenagentur hilft uns beim trocken bleiben. Es regnet nicht, es schüttet. Der Wind schmeißt uns Wasser ins Gesicht, ich höre Apparat. Elektronische Musik aus Deutschland. Vika hat mir ihren Sennheiser Kopfhörer aufgesetzt. Wir rauchen rote Chesterfield und glotzen in den Regen, wie er unten ankommt, wie er den Asphalt unter Wasser setzt, wie die Blasen tanzen. Ein Pärchen neben uns albert rum, sie trägt ein dünnes lila Kleid und friert.
Vika macht neuerdings Yoga und spricht über Spiritualität, ich schiebe den Kopfhörer von einem Ohr weg, um ihr zuzuhören. Unsere Haare kleben an unseren Köpfen.
Die Tropfen werden kleiner, glauben wir zumindest und gehen los, hüpfen über Pfützen. Kaum sind wir um die erste Ecke gebogen, klebt auch unsere Kleidung an uns, keine Chance und hier ist weit und breit nichts zum Unterstellen, wir rennen zurück zu Itar Tass. Hier im Moskauer Zentrum sind die Häuser nicht hoch, sie sind alt, aber renoviert, blau, gelb oder türkis, haben Schnörkel und Holztüren.
Mittlerweile gibt es keine Pfützen mehr, um die man rum gehen kann - es ist alles unter Wasser, man muss durchgehen. Durchgehen heißt aus Russisch Pro-iti, drum rum gehen heißt oba-iti, die Präfixe machen mir das Leben schwer.
Irgendwann schaffen wir es zur Bushaltestelle, klitschnasse Indie-Kids warten mit uns auf den Bus, einer hat Piercings im Gesicht, das Mädchen steht auf der Sitzbank, trägt Ballerinas und zittert. Sie trinken Cola und rauchen. Das Bushäuschen hat Wall gebaut, genau wie die Bushäuschen in Berlin.
Der Bus bringt uns zur Metrostation Puschkinskaja, hier ist das Café, in das wir seit fast einer Stunde gehen wollen, mein Magen knurrt. Der Kellner hier ist so nett, dass ich ihn umarmen will. Er zeigt uns einen schönen Sitzplatz. Der Fernseher plärrt zwar MTV Russia, sonst ist das Kellergewölbe aber gemütlich, genau das Richtige für einen verregneten Samstag. Wir bestellen viel Essen, weil es herrlich billig ist, für Moskauer Verhältnisse. Nudeln, Salat, Kascha (Buchweizen) mit Pilzen. Vika trinkt Tequila, um sich aufzuwärmen, ich Cappuccino. Die Tasse ist leider winzig und fast ausschließlich mit aufgeschäumter Milch gefüllt, ich muss noch zwei davon bestellen, um das Gefühl zu haben, einen Kaffee getrunken zu haben.
Vika sagt, ihre Vorfahren waren Zigeuner, deswegen reist sie wohl so gern. Silvester fliegt sie mit ihrem Freund nach Vietnam, im Mai würde sie mich gern in Berlin besuchen kommen. Ihre Eltern sind damals freiwillig nach Norilsk in Nordsibirien gegangen, mehr oder weniger. Wer einen Job in Sibirien annimmt, bekommt mehr Geld. Schmerzensgeld. Davon kann man sich dann einen Pelzmantel kaufen, unter anderem.
„Ich würde nie für Geld irgendwo hingehen und ich werde nie mehr nach Norilsk zurückgehen, nie wieder.“ sagt Vika. „Nie wieder?“ „Naja, höchstens wenn ich ganz viel - zu viel - Geld hätte und mal wieder was ganz Exotisches machen will.“ Ihre Eltern sind oft in Moskau, es gibt tatsächlich keinen Grund für sie nach Norilsk zu fahren. Ich dagegen werde nach Norilsk fahren. Das findet sie lustig. Sie sagt: „Ich hab da zu oft gefroren.“ Das finde ich lustig.
Der Kellner tauscht den Aschenbecher aus, nachdem ich einmal rein geascht habe. Er tauscht die ganze Zeit die Aschenbecher aus, als ob er uns zeigen will, wie viele er von denen hat.
Für den Sambuca, den Vika bestellt, kommen gleich drei Kellner, weil sie es lustig finden, den Alkohol zu entzünden. Niedlich sehen sie aus, einer hält die Sambuca-Zeremonie ab, zwei stehen rum und kucken. Gleich danach bekommen wir aber auch einen neuen Aschenbecher.
Eigentlich wollten wir in eine Kunstausstellung, aber jetzt sind wir satt, trocken, warm und rotwangig, zu faul für Kunst.
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5. August 2008 um 23:13 Uhr
Sitze da mit Tränen in den Augen und tue das, was wohl jede nostalgische Russin an meiner Stelle tun würde: завидую белой завистью.. das bedeutet: “ich beneide dich mit weißem Neid”. Weißer Neid ist, im Gegenteil zu schwarzem (hier würde man wohl eher von grünem, giftgrünem Neid sprechen), freudiger Neid, der es dem anderen gönnt und nichtsdestotrotz gerne an dessen Stelle wäre. So. Dafür muss man die russische Sprache doch bewundern, oder? Für solche liebenswürdigen Feinheiten.
Viele Grüße aus HH, mach weiter so, großartig.
Alexandra