Russische Reggae-Oase

Es ist ein Vergnügungspalast, wie man ihn in Russland oft findet. Ein riesiges Gebäude mit verglaster Front. Drin sind eine Schicki-Micki-Sushibar, ein Ultra-Mega-Multiplexkino, ein Casino, ein Glamourni-Club und der Ort, an den wir gehen. Die Oase in der Wüste, wie es Oksana nennt. Der Club heißt Kwasniak und obwohl wir durch lange Gänge mit grauem Linoleum und Chrom-Treppengeländern dorthin gelangt sind, fühlt es sich okay an, hier zu sein. Es ist düster, Rockmusik läuft, alles ist aus Holz, Oksana kennt wieder jeden. Sie stellt mir den Tontechniker vor, der sonst auch Musiker ist und sorgt danach dafür, dass wir sehr schnell unser Bier bekommen, weil sie den Barmann kennt.
Ich hab leicht erhöhte Temperatur, eine verstopfte Nase und stehe ein bisschen neben mir, der russische Herbsteinbruch ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen, aber im Bett liegen ist was für Sissis.
Auf die Barhocker setzen kostet 70 Rubel (2 Euro), steht drauf, wir setzen uns drauf und bezahlen nichts. Ich lerne Leonid kennen und seine Freundin, wir albern rum, fotografieren uns gegenseitig, es ist wieder mal zu laut, um sich richtig zu unterhalten. Später kommen noch Boris und Pascha von den Saudis dazu und der Mann, der die Stühle kontrolliert. Ob wir 70 Rubel bezahlt haben, will er wissen. Nein, natürlich nicht. Er sagt, wir könnten uns ja neben die Barhocker stellen. Komische Politik, findet Oksana. Ich frage mich, was es kostet, wenn ich meine Handtasche drauf stelle. Aber ich werde es nie erfahren, weil der Stuhl-Mann nicht zurückkommt.
Die Menge jubelt, Sunsay ist auf die Bühne gekommen. Ein attraktiver junger Mann, dunkler Teint, braune Augen, sauber zurechtgestutzter Bart, mit bürgerlichem Namen Andrej Saparoschiu. Seine Stimme klingt nach Reggae. Das erste Lied singt er auf Russisch, die Fans singen mit.
Sunsay ist eine Hälfte der in Russland und der Ukraine sehr bekannten Band 5Nizza (das heißt Pjetnitza und das wiederum Freitag) die sich allerdings Ende der 90er aufgelöst hat. Die andere Hälfte von 5Nizza ist Sergej Babkin, den liebt Oksana noch mehr als Sunsay. Die beiden haben, als sie noch zusammen waren, aus der Russische Nationalhymne einen Reggae-Song gemacht. Andrej und Sergej kommen aus der Ukraine, aus Harkov und singen - mittlerweile getrennt voneinander - auch immer mal ein paar Lieder auf Ukrainisch.
Auf der Bühne wird neben Gitarre, Bass und Schlagzeug auch Dudelsack, Balalaika und Saxophon gespielt, Sunsay singt Englisch, Russisch, Ukrainisch, Reggae, Rock und Soul. Wir stehen mittlerweile auf den Barhockern - kostenlos. Von mir aus können die ewig so weiter machen, Sunsay ewig so weiter singen. Tut er natürlich nicht, viel zu früh ist alles vorbei. Und ich muss eine weitere CD in Russland kaufen, bevor ich nach Hause fliege.
Der DJ legt eine lustige Tanzmusik-Mischung auf, während die Musiker auf der Bühne ihre Instrumente abbauen. Die Red Hot Chilli Peppers, Elvis, Pink, Oasis, die Cranberries, die Beatles… plötzlich zieht mich Oksana am Arm. Sie hat Sunsay gefragt, ob wir ein Foto mit ihm machen dürfen, heißt: sie ein Foto von mir mit ihm. Ich springe auf die Bühne und grinse in die Kamera, Boris springt hinterher, Sunsay kuckt etwas bedeppert, wir springen wieder runter, sagen brav spasiba (danke) und tanzen weiter.
Das tun wir noch ungefähr zwei Stunden, Andrej füllt eine 2MB-Speicherkarte auf seiner Digitalkamera mit schrägen Tanzbildern von uns, auch die Musik bleibt schräg. Oksana, Boris, Pascha und ich vollführen eigenartige Akrobatiken auf der Tanzfläche.
Wenn man im Bett bleibt, dauert eine Erkältung sieben Tage und wenn man auf Konzerte geht und tanzt, eine Woche.
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25. September 2008 um 19:39 Uhr
The size of my flash card in the camera is a little more.:) 2 GB
26. September 2008 um 10:54 Uhr
UUUPS! :)