Flüchtlingsstadt - Rostow am Don
Das Wasser ist tatsächlich braun. Nicht nur ein bisschen, leicht gefärbt, nein, tiefbraun. Das Wasser aus der Leitung, das, mit dem ich duschen will. Aber wenigstens habe ich Wasser. Mein Hotel in Rostow am Don ist ein Klischee. Es ist so ranzig und trostlos, als hätte es sich Jim Jamusch für einen seiner Filme ausgedacht. Oder als wäre ich in einem Film über Hemingway gelandet. Ich fühl mich wie Martha Gellhorn. Als ich klein war, wollte ich Martha Gellhorn werden. Na bitteschön. Es ist heiß und laut, draußen wird gebaut. Meine Balkontür ist offen, die kitschig gelb-blauen Vorhänge bewegen sich leicht, sie sind zugezogen, damit die Sonne nicht rein scheint. Die Frauen an der Rezeption - es sind fast immer drei - sind sehr verwundert über mich. Ausländer wohnen sonst im Radisson SAS, am Fluss. Ich bin die erste Ausländerin hier. Während ich die Check-in-Karte ausfülle, sieht eine von ihnen, dass ich aus Berlin komme. Sie murmelt: “Kommt aus Berlin und fährt nach Rostow am Don, eigenartig…“
An meinem zweiten Tag hier habe ich einen Interview-Termin mit dem Leiter einer Hilfsorganisation, der am Morgen aus Ossetien hier in Rostow eingetroffen ist. Alexandra, die mir den Termin organisiert hat, ruft mich an. Ich solle sofort zum Treffpunkt kommen. Wir fahren Taxi. Es ist so heiß im Taxi, dass Schweißtropfen aus meinen Kniekehlen laufen. Vor dem Büro der Organisation wartet Leonid, er ist mein Übersetzer, groß und breit, mit einer Glatze und einem warmen Lächeln. Auch Eduard, mein Gesprächspartner, ist sympathisch, um die 50, leicht ergrautes Haar. Seine Stimme ist leise, er spricht bedächtig. Klärt mich über die Arbeit der Halbstaatlichen Organisation “Alania-Ir“ auf. Eigentlich kümmern sich die Mitglieder um die Ossetische Kultur in Rostow, organisieren Theaterstücke und Konzerte. Jetzt bringen sie Lebensmittel und Toilettenpapier nach Nord-Ossetien, in die Flüchtlingscamps.
Als ich frage, ob Russische Panzer immer noch in Georgien sind, dem Kernland von Georgien, wird Eduard ungemütlich, aber nicht unfreundlich. Er fragt mich, ob deutsche Soldaten im Kosovo sind. Ich bejahe. „Und“ will er wissen, „was tun sie da?“ „Nichts,“ sage ich, „kucken, bewachen, warten.“ Er nickt bedächtig. Unangenehme Stille macht sich breit. Wir sprechen über die Flüchtlinge aus Ossetien, hier in Rostow, wo sie leben, wie viele es sind. Rund 800 im Moment, rund 2.000 werden in den nächsten Tagen noch erwartet. Vielen Dank, wir verabschieden uns, verlassen das klimatisierte Büro, in dem sich Hilfsgüter stapeln. Klopapier, Seife, Kleidung.
Leonid und ich fahren ins Sanatorium der Stadt Rostow, Alexandra muss wieder zur Arbeit gehen. Sie arbeitet in einem Buchverlag. Das Sanatorium ist außerhalb der Stadt, inmitten eines Waldes, gleich daneben ein kleiner See. Ohne, dass uns jemand aufhält betreten wir das Gelände. „Jetzt besser nicht Englisch sprechen“ flüstert mir Leonid zu, am Eingang stehen Polizisten und rauchen.
Das Gebäude ist sowjetisch hellblau, der Garten weitläufig, viele Bäume, Bänke, ein Spielplatz. Wir sehen Berge von Kleidung und überall Menschen. „Das sind sie“ flüstert Leonid. Er fragt eine Frau, Violetta, wen man denn hier fragen könne, wenn man Interviews machen will. Sie bringt uns zu einer anderen Frau, die hier die Hilfe koordiniert. Diese wiederum antwortet halbherzig. Vorne, am Eingang wären die Verantwortlichen. Es scheint ihr egal zu sein. Wir setzen uns mit Violetta auf eine Bank und reden, ohne jemanden gefragt zu haben.
„Vier Tage saß ich in meinem Keller.“ erzählt Violetta. „Wir hatten kein Essen, kein Wasser, kaum Luft zum atmen, es war eng, wir haben die Granaten gehört. Am fünften Tag haben wir versucht zu fliehen, mit dem Auto eines Nachbarn. Wir sind nicht weit gekommen, auf einer Straße Richtung Nord-Ossetien wurden wir bombardiert. Das Auto war kaputt, wir flohen in einen Wald, ich und fünf andere Menschen aus meiner Nachbarschaft. Eine Nacht mussten wir im Wald schlafen, am nächsten Tag haben uns Russische Soldaten aufgelesen und hierher gebracht.“ Ihre Stimme bricht, sie sagt, dass sie dankbar ist, hier zu sein. Vier mal am Tag gibt es hier Essen. Und Kleidung bekommen sie hier. Alles was sie sich wünscht ist, zurück zu gehen, in ihr Haus. Das zerstört ist.
Wir wünschen ihr Glück und alles Gute auf der Welt, Leonid und ich, und wissen nicht, was wir sonst sagen können. Violetta nickt und geht, lächelt schwach. Ein paar Kinder spielen in unsere Nähe, zwei Mädchen. Leonid sagt, es wäre vielleicht besser Jungs zu fragen, außerdem sähen die Mädchen so beschäftigt aus. Es stimmt, sie scheinen irgendetwas vor ihren Freundinnen zu verstecken, laufen weg, kichern. Er spricht drei Jungs an. Renat ist sieben, sein Russisch ist schlecht. Der kleine Junge mit den schwarzen Haaren und den Flecken im Gesicht will mit uns sprechen, erzählt auch von tagelangem Bombardement. Er und seine Familie sind mit einem Bus der Russischen Armee hierher gekommen. Der Kleine hat Schwierigkeiten sich zu artikulieren. Russisch ist nicht die Sprache, in der er meist kommuniziert. In der Schule spricht er Georgisch.
Während er nach Worten sucht, kommt ein Mann in Tarnkleidung und mit Hund auf uns zu. Ob wir eine Genehmigung hätten, will er wissen. Ich bin froh, dass mein Übersetzer ein großer starker Mann ist. Leonid erklärt dem Wächter, dass wir keine Genehmigung haben aber gedacht haben, wir könnten auch ohne mit ein paar Menschen sprechen. Nein, der Verantwortliche käme morgen. Der Wächter ist nicht unfreundlich, nur etwas überfordert. Leonid benutzt das Wort „na freelanzje“, als er ihm erklärt, dass ich freie Journalistin bin, freelancer eben. Der Wächter versteht das aus dem Englischen entlehnte Wort nicht und erklärt jemandem am Telefon, dass ich von der deutschen Presseagentur „frilanzie“ wäre.
Leonid grinst mich an, ich verstehe. Wir gehen.
Wieder vorbei an den rauchenden Polizisten.
Die Straße draußen ist sehr staubig. Die Hitze ist trocken.
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28. August 2008 um 15:49 Uhr
Woohoohoo! Schweiß!