(entschuldigt das katastrophale Layout, aber ich bin ueberhaupt froh hier einen Computer zu haben, auch, wenn der nicht macht, was ich will!)

Ich bin in Anapa, am Schwarzen Meer, in einer Bucht und liege manchmal am Strand. Aber eigentlich bin ich hier, weil hier gesungen und getanzt wird und da soll man sich ja dann bekanntlich… Ihr wisst schon. Hier findet naemlich das Kasatschok Kinder- und Jugend-Festival statt.
Mein Gastgeber Leonid hat sich rausgeputzt, er sieht aus, wie ein richtiger Kossacke, ist er naemlich auch. Er traegt eine schwarze, enge Hose, mit roten Streifen an den Seiten, schwarze Kossacken-Stiefel, ein weisses Hemd mit Schulterstuecken und eine schwarz-rote Kopfbedeckung.
In wenigen Minuten faengt das Festival an, das mittlerweile 15., auf dem Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Land ihre Kasatschock-Lieder und Taenze auffuehren, mehrere Tage lang. Rechts und links von der Buehne, im Sportstadion, haben die Gruppen Stellung bezogen. Die Maedchen haben festliche bunte Kleider an, die Jungs Kossacken-Trachten oder Uniformen. Auf der Tribьne sitzen hunderte von Kindern und warten. Meine Geduld wird auf die Probe gestellt, die Kinder ertragen das Procedere heldenhaft, sie kennen das schon. Denn es werden Reden gehalten, lange, langweilige, ueberfluessige Reden. Der Festival-Leiter sagt was, der Buergermeister von Anapa, der Gouverneur des Gebietes, eine orthodoxer Priester und der Moderator des Festivals. Im Grunde sagen alle das Gleiche, dass naemlich dies ein Festival der Freundschaft und Liebe ist, dass es Geburtstag hat und 15 wird. Dann endlich beginnt die erste Gruppe zu singen. Eine Disko, direkt hinter dem Stadion, uebertoent das Eroeffnungslied mit Bumms-Musik. Der Toningenieur wird nervoes, dreht an den Mikro-Reglern und sorgt fuer eine schmerzhafte Rueckkopplung. Weiter »
Kategorien: Gesehen und gemacht |
Datum: 20. August 2008
Wunder, wunderbare Ljudmila Ulitzkaja. Aus “Sonetschka”:
“Von meinem Erzieher hab ich mitbekommen, dass ich weder Gruener noch Blauer, weder Parmutarier noch Scutarier geworden bin…”
“Wovon redest Du?” fragte Sonetschka aengstlich.
“Das ist nicht von mir. Das ist Mark Aurel. Blaue und Gruene – das waren die Farben der Parteien auf dem Hippodrom. Ich wollte sagen, dass mich nie interessiert hat, wessen Pferd als erstes einlaeuft. Fuer uns ist das unwichtig. In jedem Fall geht der Mensch zugrunde, sein Privatleben. Schlaf Sonetschka.”
Kategorien: Gesehen und gemacht |
Datum: 20. August 2008
Das Wasser ist tatsächlich braun. Nicht nur ein bisschen, leicht gefärbt, nein, tiefbraun. Das Wasser aus der Leitung, das, mit dem ich duschen will. Aber wenigstens habe ich Wasser. Mein Hotel in Rostow am Don ist ein Klischee. Es ist so ranzig und trostlos, als hätte es sich Jim Jamusch für einen seiner Filme ausgedacht. Oder als wäre ich in einem Film über Hemingway gelandet. Ich fühl mich wie Martha Gellhorn. Als ich klein war, wollte ich Martha Gellhorn werden. Na bitteschön. Es ist heiß und laut, draußen wird gebaut. Meine Balkontür ist offen, die kitschig gelb-blauen Vorhänge bewegen sich leicht, sie sind zugezogen, damit die Sonne nicht rein scheint. Die Frauen an der Rezeption – es sind fast immer drei – sind sehr verwundert über mich. Ausländer wohnen sonst im Radisson SAS, am Fluss. Ich bin die erste Ausländerin hier. Während ich die Check-in-Karte ausfülle, sieht eine von ihnen, dass ich aus Berlin komme. Sie murmelt: “Kommt aus Berlin und fährt nach Rostow am Don, eigenartig…“

An meinem zweiten Tag hier habe ich einen Interview-Termin mit dem Leiter einer Hilfsorganisation, der am Morgen aus Ossetien hier in Rostow eingetroffen ist. Alexandra, die mir den Termin organisiert hat, ruft mich an. Ich solle sofort zum Treffpunkt kommen. Wir fahren Taxi. Es ist so heiß im Taxi, dass Schweißtropfen aus meinen Kniekehlen laufen. Vor dem Büro der Organisation wartet Leonid, er ist mein Übersetzer, groß und breit, mit einer Glatze und einem warmen Lächeln. Auch Eduard, mein Gesprächspartner, ist sympathisch, um die 50, leicht ergrautes Haar. Seine Stimme ist leise, er spricht bedächtig. Klärt mich über die Arbeit der Halbstaatlichen Organisation “Alania-Ir“ auf. Eigentlich kümmern sich die Mitglieder um die Ossetische Kultur in Rostow, organisieren Theaterstücke und Konzerte. Jetzt bringen sie Lebensmittel und Toilettenpapier nach Nord-Ossetien, in die Flüchtlingscamps. Weiter »
Kategorien: Gesehen und gemacht |
Datum: 16. August 2008
Die Yellow Press hat auch in Russland Humor.

“Saakaschwili wollte sich in einem Anfall von Verrücktheit selbst erschießen.”
Kategorien: Gesehen und gemacht |
Datum: 15. August 2008
Das Karussell quietscht sehr laut und bewegt sich sehr langsam, fast gar nicht. Wir wollen uns ein bisschen bewegen. Bis eben waren wir langsam spazieren oder haben auf einer Bank rum gesessen, Piroschki (gefüllter Blätterteig) und Schokolade gegessen. Wir, das sind Artur, sein Freund Pawel und ich. Der Regen hat aufgehört, die Klettergerüste, Rutschen und Schaukeln sind nass. Trotzdem spielen überall Kinder, es war nur ein kurzer Sommerregen.

Nachdem das Karussell nun also nicht seinen Zweck erfüllt, gehen wir weiter und finden Sportgeräte, besser gesagt, Stangen. Reck-Stangen und Parallel-Balken-Stangen. Hinter uns ragen quadratische, Angst einflößend alte und verkommene Plattenbauten auf. Neben uns fahren Jugendliche mit ihren Rädern eine Half-Pipe hoch und runter und machen gruselige Experimente.
Pawel sagt: „Postmoderne ist, wenn einer sagt: zwei plus zwei sind vier und ein anderer sagt: vielleicht sind zwei plus zwei aber auch drei Komma fünf und der erste sagt: ja, stimmt, kann sein.” Auf die Postmoderne steige ich ein. Nachdem ich bei seinem ersten Anlauf zu müde war und nur genickt habe, als er mich gefragt hat, ob ich glaube, ob alle Menschen gleich sind, bin ich jetzt, auf dem Spielplatz, wieder hellwach. Wir diskutieren über die Pluralität der Meinungen, die Individualisierung, die Artur gar nicht gefällt. Pascha mag Homosexuelle nicht, er sagt, es wurde immer als abnormal angesehen, homosexuell zu sein, schon immer, deswegen ist es die Wahrheit, weil das irgendwoher kommt. Pawel ist 22. Weiter »
Kategorien: Die Zukunft Russlands |
Datum: 15. August 2008
Bevor ich diesen wunderbaren Ort hier verlasse und mich Richtung Süden aufmache, will ich Euch Belgorod noch zeigen.

Hier leben etwa 500.000 Menschen und es gibt fast so viele Fontänen, jeden Tag kommt eine dazu. Das hat Lena gesagt. „Du wachst hier morgens auf, läufst durch die Stadt und – huch – schon wieder eine.“ Die neuste Fontäne ist bunt und spielt Musik, während sie Wasser spuckt. Weiter »
Kategorien: Gesehen und gemacht |
Datum: 12. August 2008
Georgien hat eine Waffenruhe verkuendet und Russland ist mit seinen Panzern aus Ossetien nach Zetralgeorgien vorgedrungen. Vielleicht, offenbar, man weiss es nicht genau. Sind die georgischen Truppen ganz abgezogen? Wie sieht es in der Sued-Ossetischen Hauptstadt Zchinwali aus? Werden die Osseten in ihre Staedte zurueckkehren koennen? Was wird Russland als naechstes tun? Wird alles noch schlimmer?
Der heisse Krieg ist vielleicht erstmal vorbei, der Medienkrieg noch lange nicht, der hat gerade begonnen. Denn wussten die meisten Menschen vor kurzem noch nicht mal, wer oder was Ossetien ist, wollen sie jetzt wissen, auf welcher Seite sie stehen sollen. Auf der des sympathischen “Westlers” Saakaschwili, der in die NATO will und waehrend der Olympischen Spiele eine Militaeroffensive gestartet hat? Oder auf der Seite Russlands, das seine Muskeln zeigt, einen Genozid verhindern wollte und nebenbei, dass Georgien auch nur irgendeine Chance hat, in die NATO zu kommen? Weiter »
Kategorien: Die Zukunft Russlands, Gesehen und gemacht |
Datum: 11. August 2008