“…Leute wie Hitler oder Saakaschwili.”
“Störts Euch, wenn ich rauche?” fragt Sergej schüchtern. Er ist 23 und 50 Prozent der Rap-Gruppe „Defakta”. Die andere Hälfte ist sein Freund Maxim, er ist 22 und nippt an einem Humpen Bier. Wir sitzen im Restaurant Schesch Besch, mitten im Zentrum von Moskau. Hier gibt’s so genannte Mittelasiatische Küche, in diesem Fall sind damit Gerichte aus Usbekistan, Kasachstan, Turkmenistan und Kirgisien gemeint. Indisches, Pakistanisches und Tibetisches scheint auf der Speisekarte zu fehlen. Aber all das nur nebenbei.
Es soll hier ja um Rap aus Russland gehen. Und vor allem um die beiden Jungs, die ihn machen. Unter dem Interview mit Defakta, gibts auch noch ein Video, als Kostprobe.
Pressenetzwerk für Jugendthemen: Seit wann macht Ihr Musik und wie seid Ihr zur Musik gekommen?
Defakta: Wir machen seit 2003 Rap, seit der elften Klasse. Eigentlich hätten wir nie gedacht, dass wir mal solche Musik machen, ich bin mit Popmusik aufgewachsen und Maxim eher mit Dance-Musik. Aber dann waren wir plötzlich beim Rap gelandet. Wir treten mittlerweile in Moskauer Clubs auf, auf kleinen Festivals oder auf offenen Bühnen.
PNJ: Worüber schreibt Ihr Eure Texte?
D: Bei uns geht’s um Liebe, um den Alltag, um das was wir erleben. Wir schreiben über unsere Freunde…eigentlich über alles, außer Politik. Über Politik schreiben wir nie.
PNJ: Warum?
D: Wir sind nicht politisch genug, um vernünftig darüber schreiben zu können. Außerdem gibt’s ja genug andere spannende Themen, über die man schreiben kann. Also wir gehen schon wählen, aber wir kennen uns einfach nicht gut genug aus, um Songs über Politik schreiben zu können.
PNJ: Wir haben oft von jungen Menschen gehört, dass sie in Russland nicht wählen gehen, weil sie besseres zu tun haben und sowieso wissen, was am Ende raus kommt – jetzt sagt ihr explizit, dass ihr wählen geht, das ist überraschend…
D: Man muss sich überlegen, was wäre, wenn alle sagen würden, ist mir egal. Dann würden Leute an die Macht kommen wie Hitler oder …(kurze Denk-Pause) Saakaschwili. Und das kann man nicht wollen. Wir sind Patrioten in unserem Land und ihr seid Patrioten in eurem Land – und deswegen muss man wählen gehen.
PNJ: Was unterscheidet Euch denn von anderen Rappern?
D: Wir wollen den Rap mit mehr Instrumenten machen, wir wollen, dass immer mal wieder ein paar Teile von original Instrumenten eingespielt werden – wie zum Beispiel von einem Saxophon oder so. Und wir dissen keine anderen Bands.
PNJ: Inwiefern ist Eure Musik eine Lebenseinstellung für Euch?
D: Eine Lebenseinstellung ist es nur bis zu einem bestimmten Alter. Denn es ist hier klar, dass einen das Rap-Dasein daran hindert Karriere zu machen, weil man nicht in bestimmte Normen passt. Allerdings bedient man dafür ja andere Normen…die Normen des Rap: weite Hosen, weite Pullis, Tatoos und so weiter. Aber das sind Sachen, die wir für uns nicht mehr so stark in den Vordergrund rücken, für uns ist die Musik wichtiger, als das Äußere.
PNJ: Jetzt kommt ja der Rap zum Beispiel aus den USA – gibt’s denn auch populäre Jugendkulturen, die originär aus Russland kommen?
D: (längere Denk-Pause) Wahrscheinlich eher nicht. Unsere eigenen Wurzeln interessieren die Jugend im Moment nicht mehr so. Alles, was die Jugendlichen in Russland grade interessiert, ist, was aus dem Westen kommt. Der Westen ist uns immer voraus und alle jungen Leute versuchen nachzumachen, was aus Europa oder den USA kommt. Es gab aber mal ein Projekt, das hieß Cерёга (Serjoga), die wollten eine Mischung aus Hip-Hop und einheimischen Einflüssen machen. Das hat zwei bis drei Jahre funktioniert, ist jetzt aber auch schon wieder verschwunden. Aber wir haben übrigens mit dem Deutschen Rapper Azad mal was zusammen gemacht …
PNJ: Könnt ihr denn von Eurer Musik leben?
D: Nein, das ist nur ein Hobby. Ich arbeite als Toningenieur und Sergej macht PR für soziale Projekte der Regierung. Also nicht für eine Partei, sondern allgemein, für alles, wofür sich die Regierung sozial engagiert.
PNJ: Werdet Ihr denn im Radio gespielt?
D: Nein Rap passt hier in kein Format, es gibt kein Rap- oder Hip-Hop-Radio in Moskau. Wenn man allerdings viel Geld hätte, könnte man trotzdem was machen, aber das haben wir ja nicht. Allerdings werden unsere Lieder ab und zu in Serbien im Radio gespielt, in Lettland und der Ukraine.
PNJ: Danke für das nette Gespräch, könntet Ihr Euch vorstellen, spontan was für uns zu rappen?
Die beiden könnten und wir stürmen aus dem Restaurant, raus auf die kalte Straße. Endlich, auf der Treppe einer Unterführung ist das Licht genau richtig und kein andere Straßenmusiker in Hörweite.
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