Kommunistisches Disneyland an der Wolga
„UL-JA-NOWSK… wie klingt denn das, voll doof! SIM-BIRSK, klingt viel besser.“ sagt Albert und grinst spitzbübisch. Auch er ist Musiker, alles muss gut klingen. Uljanowsk, die Stadt an der Wolga, in der Lenin geboren wurde (Wladimir Iljitsch Uljanow), soll umbenannt werden. Oder richtig: soll ihren ursprünglichen Namen wieder bekommen, Simbirsk.
Die Sowjetzeiten werden schon seit einiger Zeit von der Landkarte getilgt. Leningrad ist jetzt St. Petersburg, klar, weiß jeder. Samara, auch an der Wolga, war früher Kujbyschew und Jekaterinburg hieß Swerdlowsk. Die Umbenennung von Uljanowsk wird im Stadtparlament schon seit Jahren hitzig diskutiert, jetzt diskutieren wir auch, allerdings weniger hitzig. Mehr zur Entspannung, nach dem anstrengenden Tag in der Sonne am Wolgastrand und beim Essen, ha.
Ich muss dieses Thema ausdiskutiert wissen, schließlich ist Lenin nicht irgendein sowjetischer Politiker, den im Westen niemand mehr kennt oder je gekannt hat, entschuldigt mal bitte. Aigul ist 25, wurde hier geboren und ist pragmatisch. Sie sagt, vor allem sei diese Umbenennung teuer, das Geld könne man für andere Sachen besser gebrauchen, um die Straßen auszubessern zum Beispiel. Ja, die geben Stoßdämpfern was zu tun. Oder man müsste die alten, typisch russischen Holzhäuser sanieren oder den Wolgastrand verschönern. Artiom, Aiguls Freund, will dass die Sowjetzeiten verschwinden, weg mit dem ollen Namen, Simbirsk ist schön. Aber Uljanowsk ist doch ein Name, der Touristen anlocken könnte, wenn man mal im Westen werben würde. „Lenin-Kultstadt an der wunderschönen Wolga…“ sage ich. Albert, Aiguls kleiner Bruder, der Musiker, nickt, ja, das sagen die Umbenennungs-Gegner auch.
„Lenin ist eine Marke, wie Micky Mouse!“ Aigul kichert „Wir sind die kommunistische Micky Mouse-City!“ Wir schmieden Pläne für eine Lenin-World mit Achterbahnen und Menschen in kuscheligen Lenin-Kostümen, mit denen sich jeder fotografieren lassen will. Kolja sagt selten etwas, ich muss ihn quasi dazu zwingen: „Ja, ach, die Bürokratie, was das kostet, hm.“
Mir fällt das Lenin-Museum ein, vor sechs Jahren war ich drin. Aigul und ich als einzige Besucher. Ich erinnere mich noch an das Foto, das ich damals gemacht habe: nur unsere beiden Jacken an den sowjetisch-türkisen Garderobenhaken, ganz einsam. Traurig. Aber ich bin keine Stadtvermarkterin. Albert ist ganz Feuer und Flamme für den Namen „Simbirsk“.
Immerhin hieß die Stadt 276 Jahre Simbirsk und nur popelige 84 Jahre Uljanowsk. Und, wie schön wäre es, wenn die drei Stadt-Schwestern an der Wolga phonetisch zusammen passen würden: Samara – Saratow – Simbirsk. Die Idee gefällt Albert. Allerdings könnten Touristen, die nach Sibirien wollen, aus Versehen in Simbirsk landen oder umgekehrt. Schöne Vorstellung, allgemeines Gelächter, leichte Trunkenheit. Getrockneter Fisch geht rum und Brotchips. In Russland wird auch zum Bier gegessen.
„Aber“ sagt Aigul, „wenn Uljanowsk Simbirsk heißt, gibt es unseren Geburtsort nicht mehr.“ Artiom ergänzt:“Die UdSSR gibt`s auch nicht mehr und sie ist unser Geburtsort.“
Oh Gott ja, was sagt Ihr Euren Kindern, wo ihr geboren wurdet?
„In der Vergangenheit!“ Aigul lacht.
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7. Mai 2008 um 08:43 Uhr
ich muss jetzt darauf achten, dass ich waehrend der wichtigen Diskussionen weniger lache :-)
7. Mai 2008 um 08:44 Uhr
BITTE NICHT!
:-)
Kuss