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Im Ruhrgebiet ist Love-Parade…

in Moskau das Afischa-Festival. Und ganz ehrlich: als Ex-Love-Parade-Besucherin (das ist lange her), bin ich sicher, auf der richtigen Veranstaltung gewesen zu sein.

Das Afischa-Picknick ist ein Jugendfestival, das jedes Jahr von der in Moskau beliebten Kultur-Zeitschrift Afischa veranstaltet wird. Mit dabei waren in diesem Jahr unter anderem Trip-Hop Queen Martina Topley-Bird, The Teenagers und die russischen Superstars Leningrad.

crowd klein

Die Milizionäre sehen aus, wie aus einer anderen Zeit. Olivgrüne Uniformen, grotesk große Kopfbedeckungen, absurd ernste Gesichter.

Um sie herum ist alles bunt. Emo-Mädchen, Indie-Jungs, Chucks, zu viel Bein, zu viel Brust, zu wenig Rock, lila Haare, Dreadlocks, Batik, Totenköpfe, Piercings. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinkucken soll.

Es ist wieder heiß, drückend, der Himmel hängt tief, die Luft ist schwer und feucht. Aber die Laune ist gut. Ein nicht enden wollender Strom von jungen Menschen fließt von der Metrostation Kolomenskaja in den Park, der genauso heißt. Die gestylte Parade führt vorbei an Restaurants, kleinen Supermärkten und Menschen, die Welpen verkaufen. Ja, weil ich mir auf dem Weg zu einem Festival einen Welpen kaufen will, bestimmt. Am Parkeingang gibt’s Karten, 350 Rubel, das sind etwa 12 Euro.

Während ich durch den Park laufe, denke ich noch: man das ging ja schnell, musste ja gar nicht anstehen. Nach drei Minuten Fußweg sehe ich dann aber die richtige Schlange und will mir Proviant für drei Tage kaufen vor Schreck. Der Russe ist aber offenbar gut im Organisieren von Warteschlangen, es dauert nur etwa 15 Minuten. Niemand kontrolliert meine Tasche. Mit dem pinkfarbenen Bändchen am Handgelenk setze ich mich zufrieden vor die erste Bühne, sie ist von Red Bull gesponsert. Es ist noch früh und nicht voll auf dem Gelände, ein Neuseeländer namens Edi Dick singt banale Lieder, die er aber schön mit der Gitarre begleitet. Er wünscht sich so viel mehr vom Leben, aber nichts passiert, la la la. Das tut mir Leid für ihn.

Währenddessen spreche ich Menschen an, weil ich sie für meine Style-Rubrik fotografieren will. Eigentlich könnte ich jeden hier fotografieren. So viele schöne, gut gestylte Menschen habe ich lange nicht auf einem Fleck gesehen.

Ich fotografiere Ivan. Er ist Schauspieler, spricht abgefahrenes London-Englisch und wird hier bald zu sehen sein. Eigentlich hatte ich meinen Spruch so schön in Russisch eingeübt, offenbar nicht gut genug.

Die zweite Warteschlange wartet auf mich, die für die Dixie-Klos. Der Himmel wird dunkler. Das Festival-Gelände ist schlammig vom Regen der letzten Nacht, gleich kommt neuer Regen dazu.

Nach dem Urinieren mache ich mich auf die Suche nach Bier. Es gibt nur alkoholfreies Bier auf dem Festivalgelände, ist wohl besser so.

Das Festival ist ein Festival des Kapitalismus. Bavaria ist für Bier zuständig, Sony hat Zelte aufgebaut, Mentos einen Swimmingpool, der trotz des herannahenden Gewitters genutzt wird, im Play Station-Zelt kann man spielen, Red Bull hat einen Lenin-Kopf mit Hörnern aus Dosen aufgestellt und nennt es Can-Art, im Mocca Zelt gibt’s – ihr werdet es ahnen. Die Jugend ist eben auch in Russland konsumfreudig.

freak

Mein liebster Ort ist der Elektro-Floor. Von Justices` DVNO angezogen, setze ich mich an den Rand und beobachte. Ein Transvestit mit Halskrause tanzt auf der Bühne, neben den DJs, mit einer übergewichtigen Dame im rosa Netzanzug. Jemand hat sich als Milchkarton verkleidet, auf Augenlidern klebt sehr viel Glitzer und die Bässe wummern. Rumsitzen ist doof, ich hab es aufgegeben, schöne Menschen zu fotografieren, das ist hier ein Fass ohne Boden, ich tanze. Zwei Mädchen klettern auf die Bühne, küssen sich, der männliche Teil der Menge grölt. Ein Mädchen zieht ihr Shirt aus, ihr BH macht ihre Brüste schön rund. Der Transvestit zieht an ihrem BH, nein, nein, das geht dann doch zu weit, der BH bleibt, wo er ist. Es regnet. Grade so, dass alle sexy nass werden, aber nicht frieren. Niemand trinkt Alkohol, weil es keinen gibt.

Ich weiß nicht wie, irgendwie sind vier Stunden vergangen und Leningrad spielen auf der Hauptbühne, es ist 20 Uhr. Darauf haben die meisten gewartet. Nach ein paar sonnigen Momenten, regnet es schon wieder. Die Regenschirme verdecken mir die Sicht auf die Bühne. Ich sehe keinen der 17 Musiker. Aber hören reicht, laut genug sind sie ja. Russischer Spaß-Rock beginnt. Ich hab mittlerweile Anton, Ivan und Barbara kennen gelernt. Wir stehen zusammen, tanzen, findens super. So wie alle um uns rum.

Hinter den Absperrzäunen sitzen Menschen, die keine 350 Rubel bezahlt haben und genauso viel sehen wie ich, nichts. Denen wird’s aber auch irgendwann zu bunt, sie werfen den Zaun um, kommen rein, 40 Minuten bevor das Festival endet.

Schön wars gewesen. Trotz Regen, trotz unendlicher Klo-Warteschlangen. Und was soll ich Euch sagen, es waren wirklich ALLE da:

john

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