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“Ihr Arschnasen!”

Denke ich, während ich von innen an der Windschutzscheibe der Marschrutka (Mini-Bus) klebe. Ich muss nach vorne gebeugt stehen, weil die Decke hier zu niedrig zum Stehen ist, meine Hände suchen Halt am Armaturenbrett, rutschen immer wieder ab. Ich meine die Marschrutka-Fahrer, die Fahrgäste um mich herum und vor allem die Marschrutka-Fahrer, die diese Strecke nicht befahren. Zwei Busse habe ich schon wegfahren lassen, weil ich mich nicht mit Gewalt hineindrücken wollte. Der Wind ist kräftig, aber so heiß, als würde er direkt aus einem Föhn kommen, er bringt keine Abkühlung.

Hinter der Bushaltestelle erstreckt sich flaches, trockenes Land. Am Horizont stehen Neubauten. Eins wie das andere sehen sie aus wie deutsche Fertighäuser, bunt und steril, an manchen wird noch gebaut. Die Straße ist staubig. Die alten Frauen, die gegenüber selbst angebautes Obst und Gemüse verkaufen, haben zwar Schutz im Schatten eines kleinen Baumes gefunden, müssen sich aber alle paar Minuten mit einem Taschentuch den Staub und den Schweiß aus dem Gesicht wischen.

In den dritten Bus bin ich nun also eingestiegen, mit dem Wissen, dass ich anders hier nicht wegkomme, als mit ein bisschen Gewalt.

Eine Fahrkarte kostet 28 Rubel, das ist relativ viel, eine Strecke innerhalb einer Stadt kostet meist zwischen 8 und 12 Rubel. Wir fahren allerdings rund 30 Minuten, vom Kindererholungszentrum „Smena“ nach Anapa, deswegen ist der Preis gerechtfertigt. Es würde sich durchaus lohnen, diese Strecke öfter zu befahren, genug Fahrgäste gibt es ja.

Obwohl der kleine weiße Bus schon brechend voll ist, hält der Fahrer an der nächsten Station, einen Strand weiter. Die Tür öffnet sich, niemand steigt aus, trotzdem steigen weitere Menschen in Badehosen und Bikinis ein. Das geht nur, mit noch mehr Gewalt, ich verstehe jetzt, warum sie das tun. Die Prozedur wird begleitet von lautem Geschrei: “Geht weiter rein! Weiter gehen!“ Die Passagiere, die schon drin sind, wissen nicht, wohin, trotzdem wird weiter von hinten geschoben. Eine Mutter drückt ihr Kind direkt neben den Fahrersitz. Das Mädchen ist etwa zehn und hat zwischen den sehr dünnen, nackten Beinchen jetzt den riesigen Schalthebel. Ich stand schon vorher nicht bequem, werde jetzt aber noch zusätzlich von einer dicken Frau mit Sonnebrand gegen die Windschutzscheibe gedrückt. Sie selbst hat ihren massigen Körper trotz massivster Widerstände noch als letztes in den Wagen drücken können und steht jetzt auf der Stufe und deswegen aufrecht und relativ bequem hinter mir.

Die knallrote Dame rammt mir ihre Strandtasche aus Plastik in den Rücken, holt ihr Geld raus, bezahlt und drückt mir die Tasche dann von hinten gegen die Beine. Ich murmle sie ungehalten an, ob das nicht anders ginge. Sie murmelt irgendwas zurück. Der Marschrutka-Fahrer beobachtet das Treiben ungerührt. Obwohl er nicht in den rechten Rückspiegel kucken kann, weil ich davor stehe, obwohl meine Handtasche ständig auf dem Armaturenbrett zu ihm herüber rutscht, obwohl ein Kind ihn beim Schalten stört, obwohl das Fahrzeug gefährlich voll ist. Der Grossteil der Marschrutkas ist städtisch, also hat die Stadt Anapa daran Schuld, dass ich mich mit dem Po gegen die leicht zu öffnende Schiebetür drücken muss, um in den Kurven nicht völlig den Halt zu verlieren. Dann kann man dem Fahrer nur zugute halten, dass er die Menschen trotz allem mitnimmt und nicht in der wüstenhaften Hitze einfach am Straßenrand braten lässt.

Es gibt allerdings auch ein paar private Marschrutka-Fahrer, die 28 Rubel pro Mensch sehen, ganz egal, wo und wie er steht. Ganz egal, wie gefährlich die Fahrt ist.

Die Landstraße durch das mittlerweile relativ grüne Stück Land, am schwarzen Meer, ist gut ausgebaut, die Kurven und Hügel allerdings steil. Der Motor des alten Mercedes klingt angestrengt, wenn es bergauf geht, bergab geht es dafuer wesentlich zu schnell. Jedes Mal, wenn uns ein LKW entgegen kommt, muss ich wegkucken. Passiert was, bin ich wenigstens als erstes tot, denke ich. Ärger mich aber eigentlich mehr über die dicke Frau, die es sich hinter mir gemütlich zu machen scheint. Mit dem Ellenbogen in meinem Rücken.

Vor sieben Jahren, als ich das erste Mal in Russland war, hätte ich das alles wahrscheinlich noch lustig gefunden. Hach, Russland, verrückt! Na, da hab ich wieder eine lustige Geschichte zu erzählen! Jetzt finde ich es einfach unmöglich, dass auf dieser Strecke zu wenige Marschrutkas fahren und die Menschen hier deswegen nicht nur unbequem, sondern vor allem auch gefährlich reisen müssen.

Ist man allerdings in Anapa angekommen, ist es ganz schoen.

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