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I changed the plan

„Aha, eine deutsche Journalistin…” Die Stimme des Arztes ist sehr warm und weich, er schaut mich interessiert an. Ich krümme mich auf dem Bett und will nicht Russisch sprechen. Meine Freundin Marina übersetzt, wie oft ich mich in den letzten Stunden übergeben habe und welche Konsistenz mein Stuhlgang hat. Mein Magen tut höllisch weh, es ist vier Uhr Morgens. Seit fünf Stunden laufe ich zwischen dem Bett und der Toilette hin und her und der Arzt will wissen, in welchen Städten ich schon war und was ich hier tue. Marina erzählt es ihm, ihr Gesichtsausdruck ist ungehalten, weil er mehr über meine Arbeit wissen will, als über meinen Gesundheitszustand. Ich verschwinde auf dem Klo. Ja, sie müsse ins Krankenhaus sagt der Arzt und verbietet mir Wasser zu trinken, es kommt ja doch sofort wieder raus. Er will noch wissen, woher Marina so gut Deutsch kann. Ich habs studiert sagt sie und schüttelt verständnislos den Kopf. Obwohl ich wieder auf dem Weg zur Toilette bin, amüsiere ich mich ein bisschen über den Arzt.

Ich will morgen nach Norilsk fliegen, sage ich, der Mann schüttelt den Kopf, murmelt: ich glaube nicht. Aber Norilsk ist doch eine geschlossene Stadt, sagt er zu Marina. Ja, ja, sie hat eine Einladung, antwortet sie. Naja, daraus wird sowieso nichts, sagt er.

Der Arzt war stolz drauf, eine so interessante Patientin zu haben, wird Marina Tage später sagen.

Der Krankenwagen fährt uns vom Süden Moskaus in den Nord-Osten, zwei Mal müssen wir anhalten, weil ich raus muss. Der Regen prasselt gegen die Fensterscheibe, ich habe brennenden Durst, fühle mich wie eine Rosine, ausgetrocknet und träume davon, die Fensterscheiben abzulecken.

Die Notaufnahme des Krankenhauses ist trist. Neonlicht beleuchtet die grauen Fliesen, die alten Holzstühle, die Liege und uns. Ob Hielscher ein weiblicher Patient oder ein männlicher ist, will eine Schwester wissen. In Russland wäre ich Hielscherowa. In unregelmäßigen Abständen kommen andere Schwestern und fragen, wer denn nun krank sei. Ich liege mit dem Kopf auf Marinas Schoß und hebe schwach die Hand. Mein Gott, wir müssen ja alle schrecklich krank aussehen, sagt Marina zu Pascha, der auf einem Stuhl in der Nähe sitzt.

Irgendwann muss ich alleine weiter, Marina und Pascha können endlich schlafen gehen. In der nächsten Aufnahme beugt sich eine Schwester über den Tresen und gibt mit Zettel, die ich unterschreiben muss. Was ist das? frage ich schwach. Da steht, dass sie hier eingewiesen werden wollen. Ich unterschreibe. Und was ist das? Da steht, dass sie kein Hooligan sind und keinen Wodka kaufen werden. Ich unterschreibe. Bekomme sauer salziges Wasser zu trinken, das eine halbe Stunde später wieder raus kommt. Ich schlucke Pulver und Tabletten und falle in einem der sechs Betten in einen unruhigen Schlaf. Mittlerweile ist es kurz nach fünf.

Um sechs knallt die Tür, eine Schwester mit energischem Schritt und lauter Stimme verteilt Fieberthermometer. Schlaf. Die Schwester kommt wieder, sammelt sie ein. Schlaf. Eine Ärztin setzt sich an mein Bett und stellt Fragen. Ob ich schwanger bin, will sie wissen und was ich gegessen habe. Wir waren zu fünft und haben alle das gleiche gegessen, Nudeln mit Gemüse und Salat, den anderen geht’s gut. Ich habe selbst gekocht. Schlaf. Ein Arzt kommt, stellt andere Fragen, ob ich Allergien hätte, sagt, ich dürfe nichts essen. Ich wolle nichts essen, sage ich. Schlaf. Jemand nimmt meinen Arm und versucht eine Vene zu finden, findet keine, sticht mir eine Nadel in die Hand und pumpt literweise kalte Flüssigkeit in meinen Körper, der Tropf sieht vorsintflutlich aus. Schlaf. Eine andere Person setzt sich auf mein Bett und stellt mir Fragen, vor meinem Bett stehen etwa 15 junge Menschen mit Mundschutz und glotzen mich an. Ich spreche kein Russisch, murmele ich, will nicht, drehe den Kopf zu Seite. Schlaf. Ich frage, wo ich Wasser kaufen kann, normales, leckeres Wasser, das sauer salzige verursacht nur noch mehr Übelkeit. Nirgends, sagen die Frauen in meinem Zimmer, eine schenkt mir eine Flasche Mineralwasser, ich nehme einen Schluck, bedanke mich, versuche zu lächeln. Schlaf. Mein Telefon piept, Marina und Aigul bringen mir heute Abend, nach der Arbeit, Wasser und ein Buch und alles, was ich sonst noch brauche. Schlaf. Dann ist es abends. Die beiden dürfen nicht zu mir kommen, ich wanke die Linoleum-Flure hinunter, mein Krankenhaus-Kittel hat blaue Blumen. Andere kranke Gestalten kommen mir entgegen. Ein Mann hat große, rote Narben im Gesicht und sieht erschreckend aus, eine alte Frau schreit irgendetwas, das nicht wie Russisch klingt, sondern wie eine Fantasie-Sprache.

Dann liege ich wieder im Bett, lese ein Buch über eine Frau, die nach Jahren der Ehe erfährt, dass ihr Mann eigentlich schwul ist, lese die russische Ausgabe der Glamour und erfahre, dass 74 Prozent der Russinnen nichts dagegen haben, wenn beim Sex ein Hund mit im Raum ist. Mein Telefon piept unaufhörlich, Marina, Aigul, Dilbar, Slawa aus Norilsk, der mich erwartet, Freundinnen aus Deutschland, mein Freund.

Ich glotze aus dem Fenster, sehe Birken und ein Hochhaus und sehne mich nach Berlin.

Dann wieder die Frau mit dem Fieberthermometer, wieder Tabletten, Menschen, die meinen Bauch betasten, wieder der Tropf und die kalte Flüssigkeit in meinem Körper, wieder Schlaf.

Am dritten Tag darf ich essen. Das Gemüse und die Suppe schmecken so fad, trüb, krank und traurig, dass ich wieder aufhöre zu essen und stattdessen ein bisschen weine. Ich will nach Hause, habe keine Kraft mehr, meinen Rucksack, meinen Laptop, meine Handtasche durch Russland zu tragen. Kann nicht mehr in Zügen und Fliegern sitzen, will Privatsphäre, Zeitung lesen und durch Kreuzberg laufen. Wundere mich über mich selbst und mein Heimweh, das so stark ist, wie noch nie in meinem Leben. Beschließe, einen Flug nach Hause zu buchen, später nach Sibirien zu fliegen. I made the plan, I can change the plan, sage ich zu Pascha, kurz bevor ich in den Zug steige, zum Flughafen.

Obwohl ich jetzt wieder in Berlin bin, werde ich natürlich fleissig weiter bloggen. Es ist noch lange nicht alles gesagt. Und ich war auch nicht das letzte Mal in Russland!

4 Kommentare zu „I changed the plan“

  1. biba sagt:

    hauptsache du bist wieder da und gesund

  2. ajgul sagt:

    habe geweint((
    meine arme russische freundin…

    viele schoenen gruesse aus moskau und russland.
    ich hoffe, du kommst wieder!

  3. falko sagt:

    hallo liebe Diane! ich hoffe kreuzberg konnte helfen und ich kann bald wieder lesen was du siehst und dabei denkst, denn ich fands oft wunderbar.

  4. nils sagt:

    wat? du bist wieder in berlin? na, immerhin gesund, hoffe ich mal. ist ja auch schon eine weile her, muss ich sagen. hab leider nicht so oft in deinen blog gucken können.
    lg aus stuttgart!

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