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Herbst in Tatarstan

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Die Morgensonne glitzert auf dem kleinen See, auf einem Hof, in der Nähe, schnattern Enten und die Fische beißen nicht. „Wahrscheinlich sind sie wieder schlafen gegangen.” witzel ich. Es ist gleich neun, eigentlich wollten wir schon um halb acht hier sein.

Aber Dilbar und ihr Freund Mischa haben verschlafen. „Lass uns um sechs treffen!” hatte er am Abend vorher noch gesagt. „Man muss früh angeln gehen, sonst kann man es gleich sein lassen.” Mit einem charmanten Lächeln konnte ich eine Stunde Schlaf rausschlagen und wir haben uns um sieben verabredet. Punkt sieben saß ich Banane kauend am Küchentisch und bekam keine Antwort auf meine SMS. Erst um 7 Uhr 26: „Ah! Ah! Wir haben verschlafen, entschuldige, sind um acht da!”

pilz

Jetzt läuft Mischa nervös am Ufer entlang, ich genieße den Morgen. „Das kann doch nicht sein, dass kein Fisch anbeißt! Unmöglich!” „Ach, Angeln ist doch sowieso nur ein Vorwand um sich in der Natur zu entspannen.” Sage ich völlig zufrieden mit der Situation. Er findet das überhaupt nicht witzig und wirft winzige Teigklumpen in den See. Die Angler auf der anderen Uferseite sind schon nach Hause gegangen. Dilbar trinkt noch einen Becher heißen Tee aus der Thermoskanne und wir machen uns nach rund einer Stunde auch wieder auf den Weg zum Auto. Von mir aus hätten wir da noch Ewigkeiten verbringen können. Aber ein richtiger Angler will Fische, das verstehe ich natürlich. Der nächste Programmpunkt an diesem wunderbaren Herbsttag in Tatarstan: Pilze sammeln. Vor zwei Tagen hatte Dilbars Mama die Küche mit mehreren Eimern Butterpilzen geflutet, die wir entspannt plaudernd geputzt haben. So einen Erfolg wollen wir jetzt auch, nach der Fisch-Pleite.

Dilbar

Mittlerweile ist die Sonne hinter grauen, dicken, flauschigen Wolken verschwunden, ein scharfer Wind weht uns ins Gesicht. Wir laufen durch ein kleines Birkenwäldchen, den Kopf gebeugt. Fliegenpilze bevölkern den Boden, Butterpilze sind weniger zahlreich. Zuerst findet Mischa einen, dann ich, dann Dilbar, besonders groß ist unsere Beute aber nicht. Ich versuche auf Russisch die Schlümpfe zu umschreiben und will wissen, ob die hier auch bekannt sind. Kleine blaue Männer, mit weißer Mütze, die in Pilzen wohnen. Offenbar nicht, die beiden schauen mich verständnislos an.

Wir schniefen, husten, frieren und flüchten schließlich in eine Pizzeria. Wie fast überall in Russischen Restaurants, läuft auch hier der Fernseher, Musikvideos und Klingeltonwerbung. Am Nebentisch feiert ein pubertierendes Mädchen Geburtstag, mit rund zehn anderen pubertierenden Mädchen. Mischa und Dilbar haben Cremesuppe bestellt, die aussieht wie Brei, die Pizza ist lecker.

tee

Für den Nachmittag ist eine Teezeremonie geplant, eine Freundin von Dilbar hat professionell gelernt, wie man in China Tee trinkt. Katja trägt einen bunten Kimono, ist Mitte zwanzig und rollt das R ganz besonders intensiv. Sie baut einen kleinen Holztisch mit Chinesischen Schnitzereien auf, winzige Teeschälchen, eine winzige Teekanne und ein paar Holzinstrumente. Dann erklärt sie uns, dass wir unsere Seele öffnen und in großen Wellen leben sollen. Denn wer in kleinen Wellen lebt, lebt hektisch und ist nicht bei sich. Wir riechen der Reihe nach an den teueren Teeblättern und sollen uns so mit ihnen bekannt machen. Das Wasser für den Tee darf nicht kochen, denn kochendes Wasser ist tot. Am lebendigsten ist Wasser, wenn sich darin kleine Bläschen bilden und ein Drachenschwanz. So nennt man den Strudel, der in diesem Stadium entsteht und der mir zugegebenermaßen das erste Mal in meinem Leben aufgefallen ist.

Katja gießt das heiße Wasser auf die Teeblätter, den Tee in eine andere Tasse und von da in die winzigen Tassen. Sehr viel Flüssigkeit geht verloren, überall trieft und tropft es, aber das gehört dazu, das muss so sein. Man muss bei der Chinesischen Tee-Zeremonie nicht schweigen, wie bei der Japanischen, es reicht, wenn man ruhig und entspannt redet. Wir empfangen die erste Tasse Tee aus der Hand der Meisterin und sind dazu angehalten, ihr dabei in die Augen zu sehen.

Sie macht drei Aufgüsse und tatsächlich schmeckt der Tee jedes Mal anders. Der zweite Aufguss ist süß, der dritte bitter. Das liege am Wasser, das wäre jetzt zu kalt geworden sagt die Meisterin und verschwindet in der Küche. Mischa albert rum, wir kichern wie in der Schule. Auch Aufguss Nummer vier, fünf und sechs sind verschieden, nach dem siebten hören wir auf. Katja erklärt uns noch, wozu die Holzinstrumente benutzt werden und dann gehen wir auch schon wieder. Der kleine Löffel ist für feinen Tee, der große Löffel für größere Teeblätter, die Spitze, um die Teekanne von Verstopfungen zu lösen und die Zange, um die kleinen Schälchen zu halten.

Beim Rausgehen, beschließen wir, dass jetzt alles, was wir tun eine Zeremonie sein sollte. Nach wenigen Minuten im Auto muss ich anmerken, dass ich an einer Toiletten -Zeremonie interessiert wäre. In einem Schlosspark, etwas außerhalb von Kasan, lässt sich dieser Wunsch gegen ein geringes Entgelt von 10 Rubel verwirklichen. Wir spazieren durch den Blumengarten, besuchen die Kirche, bewundern die goldenen Ikonen und genießen die klare Herbstluft am nahe gelegenen See.

Dort kauft Mischa Twix für Dilbar, schwarzen Tee für mich und Duratzki-Kaffe für sich. Das heißt so viel wie Idioten-Kaffe, weil er nämlich nicht schmeckt.

Im Auto, auf dem Weg nach Hause, bringe ich Mischa Deutsch bei. Er hatte es zwei Jahre lang in der Schule und frischt es jetzt fröhlich auf. „Ich werde eine Rede halten. Meine lieben Freunde…” er klingt so offiziell, dass ich Tränen in den Augen habe vor Lachen. Und auch den entsprechenden Russischen Satz werde ich jetzt nicht mehr vergessen: „Ja budu derschat retsch, moi dorogie drusja…”

Mit unserem Deutsch-Russisch-Kauderwelsch bringen wir Dilbar zu Verzweiflung. Mischa nennt sie „kleines Schweinchen”, ich will plötzlich, völlig zusammenhangslos, wissen, was „nackt” auf Russisch heißt und muss das Wort Dostopremitschatelnosti (Sehenswürdigkeiten) bis zum Erbrechen wiederholen.

Sprachschule de Luxe.

1 Kommentar zu „Herbst in Tatarstan“

  1. Albert sagt:

    Coool. Diane, please, make the english version of site (i’m not even asking of russian version, but u could). Pozhaluysta!

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