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Glamourni Facekontrol

Freitagabend, wir gehen steil in Saratov. Anastasia und ich sitzen noch in einer Kneipe in der Fußgängerzone. Es ist ein nicht großer und nicht besonders schöner Raum mit Holzstühlen, einem klobigen Tresen, es gibt Bier vom Fass und Retro-Musik. Von Madonna bis Mr. Vain sind alle da. Anastasia trägt eine schwarze Jeans, ein weißes adidas T-Shirt und eine niedliche graue Stoffmütze, mit einem schwarzen Stern auf der Stirn. Sie hat lange, schwarze Haare und einen dunklen Teint.

Wir mussten den Tisch am Klo nehmen, weil alle anderen besetzt waren. Die Menschen, die aufs Klo gehen, kucken uns neugierig an. Auf unserem Tisch liegt ein Russisch-Deutsch/Deutsch-Russisch Wörterbuch. Anastasia redet langsam und simpel und ich schnell und falsch Russisch, wir verständigen uns trotzdem wunderbar und kichern permanent.

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„Ich hab gute Laune!“ sagt Anastasia und ihre Augen strahlen, obwohl sehr grüne Kontaktlinsen drin sind. Wir schnappen uns ein Taxi, fahren etwa 10 Minuten durchs dunkle Saratov und sehen dann die Menschen. Es sind etwa 50, sie alle wollen in den Club. Es ist keine Schlange, es ist ein Knäuel. Ich verstehe nicht, wie wir da je rein kommen sollen, denn Anastasia stellt sich seelenruhig irgendwo an den Rand und zündet sich eine Zigarette an. Ich frage nicht und beobachte. Wir sind in einem Industrie Viertel, der Club war mal eine Fabrik. Links von uns öffnet sich ab und zu das riesenhafte Tor und ein teuer aussehendes Auto darf rein fahren. Die Tür, an der wir stehen, ist der Zugang zum Werksgelände, wie man so schön sagt.

Ein sehr junger, feminin aussehender Typ mit engem T-Shirt turnt an seiner Absperrung herum, kuckt sich um und zeigt auf Menschen, die dürfen dann passieren. Aha, so geht das. Hinter uns ist eine kleine Kolonne Mädchen aufgetaucht. Die Schuhe sehr hoch, die Röcke sehr kurz, die Brüste sehr sichtbar und das Gesicht sehr bunt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Röcke der Mädchen hier tatsächlich und im Wortsinne nur die meist perfekt geformten Pobacken bedecken. Die Mädchen wissen, dass sie nicht lange warten müssen, das sieht man ihren Gesichtern an. Eine schminkt sich trotzdem noch mal demonstrativ die Lippen nach.

Der kleine Einlasser zeigt auf die Kolonne, Anastasia drückt mich nach vorne, wir wollen mit denen rein, obwohl ganz offensichtlich ist, dass wir nicht zusammen gehören. Aus mir unerfindlichen Gründen werde ich mit dem Parfumschwall ins Pförtnerhäuschen gespült. Anastasia hat es nicht geschafft, sie steht direkt am Eingang, aber von draußen.

Das Pförtnerhäuschen kann sich seit seiner Fabrik-Zeit nicht viel verändert haben. Auf dem Boden liegt brauner Linoleum, ein alter blecherner Schlüsselkasten hängt an der Wand, es gibt einen verschlissenen, braunen Sessel und einen sehr alten Holzstuhl. In einer Ecke steht tatsächlich ein Reisigbesen.

Ich warte auf Anastasia und beobachte, wer rein kommt und wer warten muss. Ganz vorne, neben Anastasia, steht einIMG_2070[1] Mädchen, das mir ein bisschen leid tut. Sie ist keine Schönheit, hat sich dafür aber voll ins Zeug gelegt. Sie trägt eine kurze, graue Stoffhose, Netzstrümpfe und schwarze Pumps. Ein durchsichtiges Oberteil komplettiert das Ensemble, man sieht ihren schwarzen BH und den leicht speckigen, nicht sehr attraktiven Bauch. Auf ihren Augenlidern kleben zu viele blaue Glitzer-Steine, blinzeln fällt ihr schwer.

Ich spreche den verantwortlichen Facekontrolleur an, er solle doch bitte meine Freundin rein lassen. Der ranzt mich an, ich könne ja da draußen, neben ihr, warten. Es fällt mir sehr schwer, darauf nicht zu antworten. Aber hätte ich das gesagt, was ich wollte, wären wir ganz sicher nicht rein gekommen. Anastasia hatte sich aber so aufs Tanzen gefreut, deswegen beiße ich mir auf die Lippen und warte im Hof weiter. Irgendwann kommt sie rein und sagt wutschnaubend: “Kakoj glamourni Facekontrol!“ („Was für eine glamouröse …“)

Der Club Nega-Project ist auch sehr glamourni, rote Teppiche und Vorhänge, blaue Lichtinstallationen, viel Glas und Spiegel, alle Alkoholsorten der Welt an der Bar. Eine schwarze Treppe führt nach oben, hier ist alles weiß, die Wände, die Vorhänge. Rechts schlängelt sich eine Bühne an der Wand entlang und ragt in der Mitte des Raumes hinein. Links ist die sehr lange Bar an der ungefähr sechs Barkeeper rotieren. Elektronische Musik wummert. Auf dem Boden sehe ich eine Linie, die diese beiden Bereiche trennt. Das eine ist der Trinkbereich, das anderen der Tanzbereich. Klingt albern? Mag sein, noch viel alberner sind allerdings die Wächter in ihren weißen Uniformen, die darauf aufpassen, dass man auch ja nur im Trinkbereich trinkt und im Tanzbereich tanzt. Na ja ist doch schön, dann bekommt man beim Tanzen nicht Bier auf die Hose geschüttet. Trotzdem feiere ich lieber ohne Linien auf dem Boden und ohne Aufpasser in Uniform.

Was Anastasia und mich natürlich trotzdem nicht vom Spaß haben abbringt. Die Nacht beginnt mit einer so genannten Fashionshow. Zuerst betreten fünf Mädchen in schwarzer Unterwäsche die Bühne und tanzen. Ich vermisse zwar die Fashion ein bisschen, aber die Damen sind wirklich sexy, deswegen denke ich nicht weiter drüber nach. Abgang Mädchen, zwei Jungs springen über die Bühne. Ihre Fashion ist auch nicht besonders einfallsreich, sie tragen schwarze Netzhemden und Lederhosen, sind natürlich auch sehr gut gebaut und attraktiv.

Später wird allerdings doch noch ein bisschen Mode gezeigt. Bunte Lackmäntel aus der Herbstkollektion einer Designerin deren Name ich schon wieder vergessen habe. Klobige Ketten und überdimensionale Ohrringe, alles ganz niedlich. Mittlerweile tanzt die Masse im Tanzbereich, trotz Fashionshow. Da oben wird immer mehr mit Stoff gegeizt, gegen drei tanzen zwei Mädchen oben ohne.

Anastasia versucht sich mit einem der beiden jungen Männer zu unterhalten, die schon die ganze Zeit versuchen mit uns zu flirten. Ich hatte schon gedacht, da müsse ein Irrtum vorliegen, wir tragen schließlich beide Jeans und normale Oberteile, die müssen uns verwechseln Die Tanzfläche sieht aus, als würden Heidi Klums Modell-Schülerinnen einen Ausflug machen. Plötzlich hält mir Anastasias Gesprächspartner sein Mobiltelefon vor die Nase, auf dem Display steht: „Ick kann ooch berlinerisch!“ Ich lache mich tot und antworte auf die gleiche Weise, es ist definitiv zu laut zum Reden.

„Warum?“

„8 Jahre da gelebt!“

„Was hast Du da gemacht?“

„In Physik promoviert!“

Sein Kumpel Mischa lebt in Seattle, kommt aus Saratov und besucht jedes Jahr seine Heimatstadt. Die haben doch uns gemeint.

Der Moskauer DJ legt einen wilden Prodigy-Elektro-Mix auf, die Masse rastet aus, Arme werden in die Luft geworfen, Haare geschüttelt, Hüften geschwungen. Ein fremdes Mädchen greift nach mir und küsst mich auf den Mund sie ist betrunken und verschwitzt. Dann zerrt sie mich an die Bar und stellt mich ihren Freunden vor, einfach so. Sie trinken Wodka, wie es sich gehört, mit Sakuska, also kalten Snacks, dazu. Irgendwas ist lustig, wir lachen. Gegen fünf wird es leerer, wir gehen, die Beats sind auch müde geworden.Zu viert stehen wir vor der ehemaligen Fabrik, im Kopf summt die Musik nach, wir teilen uns ein Taxi in die Innenstadt. Es ist noch dunkel. „Aber es fährt gar kein Bus nach Engels!“ sage ich. Da wohnt Anastasia. „Dann lass uns einfach weiter trinken, bis die Busse wieder fahren.“

„Ja!“ die kleine Reisegruppe ist begeistert von der Idee, wir kaufen Bier, ich bestehe außerdem auf Saft, den Mischa dann tragen muss. Wir laufen ans Wolgaufer. Der Morgen graut, herbstlich unspektakulär ist es plötzlich milchig hell. Die Wolga rauscht breit und gewaltig an uns vorbei, sieht aus wie Stahl, Möwen über unseren Köpfen, es riecht kalt. Ein Café am Ufer wird mit Ware beliefert. Die Wortfetzen fliegen hin und her, aufgekratzt, betrunken, müde, genau die richtige Zeit, um einfach Irgendetwas zu sagen. Die beste Zeit beim Feiern, die Zeit, an die man sich später am längsten erinnern wird.

Wir reden, wie ich es schon so oft hier getan habe, über Sprachen und Grammatik. Mischa arbeitet bei Microsoft, bei den Bösen hahahaha. Alexander hat in Friedrichshain, am Ostkreuz gewohnt. Die Wolken am Himmel rasen, es ist windig. Ein Mann mit freiem Oberkörper joggt an uns vorbei, Mischa sagt trocken: „Geroi!“ (Held) hahahaha Dann will er wissen, ob Anastasia oft in diesen Club geht. Zwei Mal war sie schon da, sagt sie. „Sonst ist da Striptease.“

„Ach, und was war das heute?„

„Eine Fashionshow!“, sagen Anastasia und ich gleichzeitig und übertrieben entrüstet.

Wir lachen, schlendern dann zur Bushaltestelle. Rauchen zusammen noch ein Zigarette, Anastasia steigt ein, winkt. Gute Nacht, Schlaf schön! Die Werktätigen um uns herum blenden wir aus, obwohl sie auffällig wuseln. Die Jungs und ich setzen uns in einen anderen Bus, der so langsam fährt, dass wir schneller gelaufen wären. Auch das ist grade sehr lustig, es ist 8 Uhr morgens.

2 Kommentare zu „Glamourni Facekontrol“

  1. Grisha sagt:

    ich heisse doch gar nicht “Alexander”, macht aber nichts ;)

  2. the Hurley sagt:

    Das klingt so schön, dass ich mir gerade auch einen Herbstmorgen nach einer durchzechten Nacht herbei wünsche. Nur baden ist wohl doof da in der Wolga, was?
    Naja, man kann nicht alles baden.
    Ha.

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