Eine Nacht in Moskau
Der Club B1 ist fast eine ganze Stadt, tapeziert mit alten Musikzeitschriften. Er ist im Zentrum Moskaus. Der Hof ist riesig, es gibt zwei Bars, viele Gelegenheiten zum Sitzen, die nass sind, weil es regnet. Ein Holzdurchgang, wie bei einer Baustelle, führt ins Gebäude. Rechts von mir hängen Bob Dylan, Elvis, die Rolling Stones, BB King, Janis Joplin.
Im Parterre ist die Tanzfläche leer, es ist 19 Uhr 30.
Ich folge den Stimmen und der Musik in den ersten Stock, hier sitzen Menschen und essen Sushi und Burger. An den Wänden hängen die Beatles, Jimmy Hendrix und Bob Marley.Ich setze mich an die Bar, trinke Tuborg, lese, warte auf Live-Musik. Die Jungs hinter der Bar mixen Cocktails im Akkord. Ein großes Bier kostet über vier Euro.
Ein Mädchen mit unglaublich blonden Haaren und großen blauen Augen setzt sich neben mich und fragt mich etwas. Ich habe nicht verstanden sage, dass mein Russisch schlecht ist.Sie schubst ihre Freundin an, die kann Englisch und sieht aus wie Sarah Connor.
Die beiden kommen aus Krasnojarsk, in Sibirien und heißen Maja und Lilia.Wir unterhalten uns auf Russisch und Englisch und beides durcheinander. Sie sagen, mein Gesicht sähe aus, als wäre ich eine richtige Russin. Die beiden auch. Viel Make up, auffällige, sexy Klamotten. Maja holt einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche und schminkt sich die Lippen perlmuttfarben nach, gibt den Spiegel Lilia, sie tut das Gleiche in Rosa. Ich will heute sein wie sie und bemale meine Lippen rostrot. Jetzt sind wir ein Team. 
Mittlerweile hat eine Frau auf der Bühne angefangen Pophits zu singen, Madonna, Whitney Houston, Texas. Sie hat kurze dunkle Haare, trägt eine Jeans, ein T-Shirt. Kein Glamour, keine lackierten Fingernägel, kein Strass. Ich wundere und freue mich über diese Frau, sie ist so anders.
Die Frauen auf der Tanzfläche dagegen machen mich traurig. Eine wunderschöne, große, schlanke Blondine tanzt mit einem kleinen, etwas fülligen Mann, der offenbar keinen Kleidergeschmack hat und bereits betrunken ist.
„Es gibt viel mehr Frauen als Männer in Russland, stimmts?“ frage ich Maja. Sie nickt gequält. Maja ist 26, nicht verheiratet und will auch nicht heiraten, keine Lust. Ein fetter Mann im weißen Hemd, in der Mitte des Raumes, gibt mir nonverbal zu verstehen, dass er beim Kellner etwas bestellen will. Da ich an der Bar sitze, mache ich wiederum den Kellner auf den fetten Mann aufmerksam. Kurz darauf stehen drei neue Biere vor uns, der fette Mann hat sie uns gekauft. Ich drehe mich um, bedanke mich mit einem Lächeln. Maja und Lilia trinken ihr Bier mit dem Strohhalm.
Alle sind heute offenbar hier, um nicht allein nach Hause zu gehen. Der fette Mann, der uns Bier gekauft hat, tanzt jetzt auch mit einer Blondine. Sie trägt ein schulterfreies Top, das natürlich glitzert und fast keinen Rock.
Lilia streitet sich mit einem Bar-Jungen, der eine extrem alberne kleine, weiße Krawatte trägt. Ich verstehe, dass es um mich geht. Er hat etwas Abfälliges über die Touristin gesagt, Lilia verteidigt mich. Außerdem findet sie es unmöglich, dass er kein Wort Englisch spricht. Er sagt: “Wieso denn, wir sind in Russland, wenn ich in England bin, spreche ich Englisch.“ „Kannste ja gar nicht!“ sagt Lilia schnippisch, dann muss er lächeln. Ich tue so, als hätte ich kein Wort verstanden.
Zwei Mittvierziger stellen sich unvermittelt zu uns. Sie kommen aus Polen und arbeiten seit einem Jahr in Moskau. Einer von ihnen scheint sich für Maja zu interessieren, er trägt ein furchtbares Cordsakko, eine Brille mit Plastikgestell und ausgebeulte Hosen. Leider interessiert sich der etwas besser angezogene Herr für mich, ich hätte ihn gerne abgegeben, wir haben keinen Männermangel in Deutschland. Er heißt Marek und schüttet mir als Zeichen seiner Zuneigung Bier über die Hose. Jetzt hat er die Möglichkeit lange und intensiv mein Knie zu tätscheln. Die beiden kaufen uns rosa Sekt und wollen mit uns tanzen. Die Schlange an der Damentoilette ist furchtbar lang, alle Dancefloors sind jetzt brechend voll, Labamba wird gespielt und Russischer Rock. Alle kennen die Texte, nur Marek und ich nicht. Der Pole und die Deutsche. Wir rauchen Parliament. Er hat aufgehört, mich anzugraben und starrt jetzt müde in die Luft. Es ist halb drei.
Ich lächle Marek zu und verschwinde, Maja, Lilia und den Mann in Cord habe ich verloren. Der erste Taxifahrer, vor der Tür, will 1000 Rubel für meinen Heimweg, ich lache ihn aus. Ich sage „300!“, er lacht mich aus, sagt, für 300 kann ich die Metro nehmen. Ich sage, dass es immer 300 kostet, er sagt, nicht bei ihm.
Ein paar Schritte weiter rechts winkt ein junger Mann. Er sitzt in einem Auto, das überhaupt nicht aussieht, wie ein Taxi, ich steige trotzdem ein, wir haben uns auf 400 Rubel geeinigt.
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