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Der Katzentisch

…viel zu spät kommt dieser Bericht, ich weiß… aber ich bin ja Gott sei dank nicht Spiegel online…gelobe Besserung.

„Weißt Du, dass heute hier in Petersburg Zenit gegen Real spielt?” „Nein, wusste ich nicht.”Der russische junge Mann, der die Registrierung der Dialog-Teilnehmer vornimmt, versucht mit mir zu flirten, eine komische Art. „Du wirst derweil in der Philharmonie sitzen…” er grinst frech.

„Ja, schade eigentlich.” Ich grinse auch und nehme mein Batch (wichtiges Kongress- Accessoire, zum um den Hals hängen) in Empfang. Drauf steht mein Name und sonst nichts. Das wird sich im Laufe des Petersburger Dialoges noch als unpraktisch herausstellen, weil man nicht mit einem Blick klären kann, ob man mit jemandem ein Gespräch anfangen will, oder nicht. Man muss erst fragen, was der andere denn überhaupt mache und schon ist man, im schlimmsten Fall, in ein Gespräch über Nichteisen Metalle oder Immobiliengeschäfte verwickelt.

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Im Foyer des Holiday Clubs stehen nun also lauter Männer in Anzügen und sprechen deutsch. Ich leide unter einem schlimmen Kulturschock. 24 Stunden bin ich in einem so genannten Platzkartni-Waggon von Kasan nach Petersburg gereist. Platzkartni heisst, dass es keine Abteile gibt, alles ist offen, rund 40 Menschen schlafen in einem großen, rollenden Schlafraum. Ein Betrunkener hatte mich zum Küssen überreden wollen und war eine Viertelstunde nicht von meiner Liege aufgestanden, das Toilettenpapier war relativ schnell alle, meine Land-Äpfel, die ich auf dem Bahnhof gekauft habe, waren sehr lecker und haben nur 10 Rubel gekostet. Die Renten in Russland sind so niedrig, dass alte Männer oft Taxi fahren, um zu überleben und alte Frauen Obst und Gemüse aus ihrer Datscha verkaufen, oft an Bahnhöfen.

Eine deutsche Teilnehmerin keift die Dame aus dem Organisationsteam an, weil sie im falschen Hotel untergebracht ist. Gegen 18 Uhr verteilen wir uns auf die Shuttle-Busse. Neben mir sitzt Peter Strieder und findet es lustig, wie die Brücke glitzert und dass der Busfahrer über Tram-Schienen fährt.

Das klassische Konzert in der Sankt-Petersburger Akademischen Philharmonie ist wunderbar, das Essen beim Empfang der Sankt Petersburger Gouverneurin Matwienko auch. Lothar de Maiziere (Vorsitzender des Lenkungsausschusses) hält eine Rede, die fast niemand versteht, weil er so nuschelt, neben mir sitzt die Vorstandvorsitzende der Russlandhilfe. Sie erzählt mir, was sie tut. Behinderten Kindern helfen, Einrichtungen für alte, einsame Menschen unterstützen und NGOs fördern. Ich bin beeindruckt und froh, hier zu sein. Um elf ist alles vorbei, die gejetlackedten nehmen noch einen Drink im Hotelfoyer.

Am nächsten Tag wird offiziell eröffnet. Die Begrüßungsreden sind so langweilig, dass ich am liebsten heimlich verschwinden und schlafen gehen will. Wir werden von jedem auf dem Podium begrüßt, uns wird mehrfach eine fruchtbare Zusammenarbeit gewünscht und alle sind furchtbar froh und glücklich etcppusw.

Die Podiumsdiskussion weckt mich allerdings wieder, Thema: Die Rolle der Zivilgesellschaften bei Krisenprävention und Konfliktbewältigung. Das stand schon lange vor der Georgien-Krise fest. Mathias hat es, wie gesagt, bereits zusammengefasst. Allerdings war ich weniger überrascht über die Aussage von Frau Krone-Schmalz, als er.

Nach dem Mittagessen treffen sich alle in den einzelnen Arbeitsgruppen, Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Kultur, Bildung, Medien und eine so genannte Zukunftswerkstatt. Irgendwer sagt, die ganze Veranstaltung sei ein Katzentisch, außer der Wirtschaftsgruppe. Ich bin in der Medien-Gruppe, weniger pessimistisch und froh, Stephan Casdorff  kennen zu lernen, den Chefredakteur des Tagesspiegel. Er hält ein Eingangs-Statement über Journalismus im 21. Jahrhundert, die Rolle des Internets und die Zukunft des Print. Wer was sagen will, muss sein Namensschild hochkant stellen. Der Chefredakteur der Iswestija, Mamontow, sagt, alle würden noch Zeitung lesen, die meisten, die sein Internetangebot nutzen, seien Russen im Ausland. Der Direktor des Zentrums für politische Konjunktur, Tschesnakow hat Zahlen, die das  widerlegen und ich sage, dass ich in drei Monaten noch keinen jungen Russen getroffen habe, der Zeitung gelesen hat. Was nicht heißen würde, alle seien unpolitisch, aber viele, ja. Wenn sie lesen, dann im Internet, sie sind keine Rezipienten, sondern Diskutanten, die russische Version von Live Journal ist wesentlich beliebter, als die Deutsche. Zu Diskutieren, ob das vielleicht so ist, weil sie von „den Russischen Medien” enttäuscht sind, wie mir viele gesagt haben, ist keine Zeit.

Eine Dame aus dem Föderationsrat der Russischen Föderation schreit die anwesenden deutschen Journalisten plötzlich stellvertretend an, für die Berichterstattung des Westens während des Georgien-Krieges. Es hätten Zustände geherrscht, wie zu Sowjetzeiten, alles, was nicht Pro-Georgisch war, wäre nicht erschienen, Saakaschwili überall. Sie brüllt so laut, dass wir den Dolmetscher in unserem Kopfhörer kaum verstehen. (Das kann auch meine liebe Freundin Birgit bestätigen, die auch im Raum war und darüber in ihrem Blog geschrieben hat.)

Jens Mühling, auch Preisträger und Redakteur beim Tagesspiegel, erzählt mir dass im russischen Fernsehen gesagt wurde, dass der Westen eine Kampagne gegen Russland fährt. Eine Kollegin vom ZDF sagt, sie hätten einen Korrespondenten in Tiflis und einen in Zschinwali gehabt. Der Chefredakteur der Zeitschrift Ogonjok kritisiert die Auswahl der Fotos in westlichen Zeitungen, Russische Soldaten sehe man da, die einen Georgier in die Knie zwingen, dass diese Georgier aber Waffen nach Süd-Ossetien bringen wollten, sehe man nicht. Der Leiter des freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik findet es unmöglich, eine Gardinenpredigt zu bekommen und der Preisträger aus Tschetschenien bringt zum Ausdruck, dass er es schade findet, dass in Russischen Medien über den Tschetschenien-Krieg nicht so berichtet wurde, wie jetzt über die Georgien-Krise. Jeder trägt eben seinen eigenen Frust mit sich herum.

Dann müssen wir in den Shuttle Bus, mir ist übel und schwindlig, einen Dialog habe ich nicht erlebt, aber viele Monologe gehört. Ich will zurück zu meinen Russischen Freunden, eigene Dialoge führen.

Eine kleine Gruppe von Menschen verweigert sich dem Bus, wir spazieren an der Newa entlang und sehen Thomas Roth, mit seinem Kamera-Team. Ja ja und gleich komm Dostojewski. Ballett finde ich leider langweilig, lerne ich dann im Mariinski Theater. Das Haus selbst ist  wunderschön, golden, beeindruckend.

Abends noch ein Empfang und die Information, dass die Preisträger eine kleine Rede halten sollen. Zu Was zieh ich nur an kommt was sag ich nur hinzu. Eine andere kleine Gruppe von Menschen geht in eine wundervolle kleine Bar, Kickern, bis 4 Uhr Morgens und muss eine Stunde mit dem Taxi ins Hotel fahren, weil die Brücken in Petersburg gegen eins hochgeklappt werden. Eine Person verschläft deswegen die Diskussionsrunde am nächsten Morgen und ist deswegen sehr geknickt und ironiefrei untröstlich. Es soll aber ähnlich dialogfrei zugegangen sein wie am Vortag.

Zur Abschlussveranstaltung kommen Frau Merkel und Herr Medwedew, am Eingang der Staatsuniversität werden plötzlich alle Taschen kontrolliert. Die Preisverleihung  ist irgendwie fluffig, weil junge Menschen auf der Bühne rum springen und sich bedanken. Jens erzählt, dass sein erster Russland-Aufenthalt mit einer Schlägerei begann, in die eine Ukrainische Schönheitskönigin und ein orthodoxer Priester verwickelt waren. Der Saal lacht.

Die Arbeitsgruppen stellen danach ihre Ergebnisse vor - zumindest wird mit diesem Prozedere begonnen. Die Kultur will einen Kurs für Geschichts-Aufarbeitung organisieren muss aber plötzlich und schnell von der Bühne, weil die Staatsoberhäupter kommen. Dann geht es um Dialog, fruchtbare Zusammenarbeit, die guten Deutsch-Russischen Beziehungen etcppusw. Ich bin allerdings erstaunt, dass Frau Merkel in einem galanten Nebensatz ein weiteres Mal anmerkt, dass sie nicht einverstanden mit der Russischen Reaktion im Georgien-Krieg war. Medwedew nickt, das weiß er natürlich bereits.

Die beiden Sprecher des Jugendparlaments stellen ihre Ergebnisse vor und plötzlich ist alles vorbei. Welche Ergebnisse die anderen Gruppen vorzuweisen haben, wird nicht mehr vorgetragen, ist aber hier nachzulesen.

Der Petersburger Dialog ist der einzige seiner Art.  Es ist gut, dass es ihn gibt, allerdings ist auch nach dem 8. Treffen noch einiges verbesserungswürdig, wie nicht nur ich finde. Mehr Experten müssen eingeladen werde, habe ich gehört, beim Wein. Die Arbeitsgruppen müssen mehr Zeit haben zum Austausch, weniger Empfang, mehr Arbeit, waren sich viele einig. Dass es schwer ist einen Dialog zu führen, bei so vielen Teilnehmer ist natürlich richtig, trotzdem habe ich zu viele Plattitüden gehört. Nicht aufhören, weitermachen, besser werden.

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