Belgorod - wie es sich anfühlt
„Mit 10.000 Rubel bist Du der König von Abchasien!“ sagt Lena und lacht. „Na ja, zumindest war es extrem billig, als ich da war, vor drei Jahren.“ Sie zeigt mir Fotos von wunderschönen Wasserfällen - der Kleine heißt Träne des Mannes, der Große Träne der Frau. Die Strände sind leer, die Klöster haben beeindruckende Fresken, es gibt Höhlen und Stalins Datscha.
Wenn Gardjej größer ist, will sie wieder hinfahren. Gardjej schläft grade, er ist vier Monate alt und hat gestern mein Nachthemd voll gekotzt. Lena ist Timas Frau, Tima ist Arturs Bruder und bei Artur wohne ich. Wir trinken Kaffee, Tee und essen ununterbrochen Süßigkeiten. Gefüllte Waffeln, Kekse, Schokolade. Und wir reden. Unter anderem über den Krieg in Süd-Ossetien und Abchasien. Tima und Lena sagen, nach Sotchi kann man immer fahren, obwohl es quasi in Georgien liegt. Da sind so viele reiche Touristen, da sollen die Olympischen Spiele 2014 stattfinden und alle Politiker haben ihre Datschen dort. In Sotchi wird nichts passieren, dafür werden Putin und Medwedew, wenn nötig, persönlich sorgen. Ich glaub, ich will gar nicht nach Sotchi fahren.
Belgorod ist etwa 1.700 Kilometer vom Krieg entfernt. “So viel?” Sie lachen mich aus, ja Russland ist gross. Ich musste Tima erst sagen, dass es Tote gibt, im Süden. Er findet es kurz schlimm, als er im Internet nachliest, was passiert, zuckt aber dann mit den Schultern: “Das geht doch schon seit Ewigkeiten so…” Ich finds trotzdem schlimm. Während Bush sagt, die Russen sollen Georgien verlassen, gehe ich nicht in der heiligen Quelle baden. Mit dem Auto braucht man von Belgorod vielleicht eine halbe Stunde zur Quelle. Anatoli fährt
uns in seinem Cherokee und geht auch nicht baden. Das Wasser ist türkis, an manchen Stellen hellblau oder sogar weiß, weil der Kies am Grund weiß ist. Der kleine See, die sprudelnde Quelle, der Wald, es sieht aus wie im Märchen. Die Umkleidekabine könnte auch auf einem Hühnerbein stehen. Es ist ein possierliches, sauberes Holzhaus mit Verzierungen. Ein Schild teilt mit:
Nur zehn Minuten möge man sich hier aufhalten, nicht fluchen, nicht rauchen, nicht rumlungern, keinen Alkohol trinken. Wer hier schwimmen geht, wird nie mehr krank. Drei Mal müsse man dafür rein gehen. Artur schafft es. Das Wasser ist vier Grad kalt.
Die badenden Männer haben mitbekommen, dass ich Deutsche bin. Sie springen ins Wasser und sagen: “Nicht Scheiße! Gut!“Ich halte meinen rechten Fuß ins Wasser. Es ist so kalt, dass es weh tut, Nadeln auf der Haut. Die Sonne brennt noch, es ist 16 Uhr, die Männer riechen nach Wodka. Sie erklären mir, dass russische Frauen sich vor ein galoppierendes Pferd stellen und „Stopp!“ sagen können und das Pferd bleibt stehen. Russische Frauen können in ein brennendes Haus gehen und den Hausrat retten - und die Deutsche kann nicht mal in die Quelle springen?
Ja, ja, ich versuche es noch mal. Rechter Fuß, linker Fuß. Nein, zurück zur Umkleidekabine, wieder anziehen. Meine Füße werden nie wieder krank, der Rest von mir schon, egal.
In Anatolis Banja ist es herrlich heiß, das ertrage ich besser. Er peitscht mich mit einer Eichenrute aus, für die Durchblutung. Artur war noch nie in einer Banja. Er ist echter Russe und ich muss ihm erklären wie alles funktioniert. Er hat Angst vor der Eichenrute. Ich lache ihn aus.
Mittlerweile hat Anatoli draußen den Tisch gedeckt. Salziger Fisch, Wurst, Käse, Tomaten, Gurken, Chips, Brot, Lauch und Bier. Anatoli geht raus, muss noch irgendwas holen. Ich sage: „Das ist verrückt!“
Artur sagt: „Nein, das ist Russland.“
Drei Stunden sitzen wir bei einem quasi fremden Mann in der Banja, Artur kennt ihn nur flüchtig. Anatoli ist der Mann, der neben der Frau wohnt, bei dem seine Mutter immer frische Eier und Milch kauft. Das war’s, mehr Kontakt hatten sie nie. Anatoli hat uns eingeladen, weil er gehört hat, dass Artur eine Deutsche zu Gast hat und weil ihm immer schrecklich langweilig ist, in seinem großen Haus.
Jetzt erzählt er uns, wie es war im Norden Sibiriens zu arbeiten, bei Gasprom. Kalt war es, aber dort verdient man eben das meiste Geld. Von der Rente hat er sich jetzt dieses wunderbare Haus, vor Belgorod, gekauft. Es hat fünf Zimmer, eine riesige Küche, ein riesiges Bad und vor allem diese wunderbare Banja. Aber er ist allein. Wir trauen uns nicht nach seiner Frau zu fragen, knabbern Gurkenstückchen und sind höflich. Ich brauche ihn nur anzurufen, sagt Anatoli, er kommt dann und fährt mich wohin ich will. Wenn ich will, können wir auch mal zusammen in die Kirche gehen. Im Garten wachsen Tomaten, die Sonne geht unter, die Nachbarn singen laut und betrunken. Ab und zu bellt ein Hund. Sonst ist es ganz still.
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