…because you ask
Eigentlich sind wir müde. Gestern hat Alberts Schwester Aigul geheiratet, wir haben lange auf der Straße getanzt, mit einem Ghettoblaster und Sekt, haben gelacht, über uns, bis uns die Bäuche wehgetan haben. Haben Goran Bregovic gehört, vor dem Kar Marx-Denkmal Faxen gemacht, wenig geschlafen. „Willst Du mit ein paar Freunden von mir trinken?” hatte Albert mich trotzdem gefragt. „Ja.” Habe ich trotzdem gesagt. Ich bin zwar todmüde, aber nicht zum Schlafen hier. Es ist der Abend nach der Hochzeit, alle sind abgereist, nur Albert und ich sind übrig geblieben. Die anderen sind wieder in Moskau oder Kasan. Wir in Uljanowsk, an der Wolga.
Nach ein paar Stationen mit der Tram wir sind da, wo wir hin wollen. Das Haus ist eines aus der Chruschow-Ära, würde ich sagen, mit meinen rudimentären Architektur-Kenntnissen. Die Chruschtschow-Bauten sind größer als die Breschnew-Häuser. Ansonsten ähneln sie sich sehr in meinen westlichen Augen, Beton-Blöcke, viele Fenster.
Im Flur ziehen wir Jacken und Schuhe aus. Das Wohnzimmer ist Russisch-Barock, ein Tisch in der Mitte, eine altmodische Schrankwand, ein bequemes Sofa. Mehrere junge Männer wuseln durcheinander, stellen Wodka auf den Tisch, Saft, Fisch und Fleischbällchen, ich bin die einzige Frau im Raum. Die Jungs bedanken sich bei Albert, weil er sie mitgebracht hat. Die Stimmung ist trotzdem leicht angespannt, da ist eine Ausländerin und sie will nichts essen. Gründe genug, nervös zu werden.
Ich bin in eine Runde Juristen geraten, Albert hat Jura studiert und ist trotzdem normal geblieben, mehr noch, er ist außerdem Musiker, spielt Instrumenten, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt.
Der Wodka ist rosa, ich will wissen warum. Statt einer Antwort bekomme ich ein Glas eingeschenkt. Es ist Rote Beeren-Wodka, es schüttelt mich, ich bleibe lieber beim Russischen Bier. Sasha fragt mich, ob es stimmt, dass deutsche Frauen sehr offensiv auf Männer zugehen. Ich sage, dass man als Mann in Deutschland keine Angst haben muss, dass einem ständig Frauen hinterher laufen, pfeifen und fragen, ob man mit zu ihnen kommen will. Er ist sehr erleichtert über die Antwort, hatte er doch etwas anderes gehört. Wieder sind Russland und Deutschland ein Stück näher gerückt, ein Klischee wurde entkräftet. Von dem hatte ich noch nie gehört. Allerdings hat Sasha jetzt einen Punkt auf der Blöde-Fragen-Liste. Jeder darf fünf stellen, legen wir fest. Aus dem Schlafzimmer ertönt Reggae, die Fleischbällchen sind lecker, ich hab endlich eins probiert, was die Jungs sehr freut. Meine Frage lautet, ob der Name der Rock-Band Woskresenie Auferstehung oder Sonntag heißt, weil das gleiche Wort beides bedeutet. Das Plenum weiß zwar keine Antwort, findet die Frage aber nicht blöd, meine Liste bleibt leer.
Leonid will wissen, warum ich hier bin und was ich will. Albert ist schneller, er antwortet für mich, erzählt von meinem Blog und meinen Reisen, wo ich überall schon war, sagt, dass Russland interessant sei, angekommen im Kapitalismus. Ich grinse. Er endet mit: sie will wissen, wo die russische Gesellschaft hinsteuert. Leonid fragt etwas schnippisch, wo denn die Deutsche Gesellschaft hinsteuern würde, Albert gibt ihm dafür einen Punkt auf der Blöde-Fragen-Liste. Ich bin in einem Gespräch gelandet, das ich nicht beeinflussen konnte. Ich weiß es nicht, sage ich, wir werden sehen, hoffentlich in eine bessere, sozialere Zukunft. Wo denn nun die russische Gesellschaft hinsteuere, will ich im Gegenzug wissen. Er weiß es auch nicht. Die Jungs trinken eine weitere Runde Wodka. Albert war ein Jahr lang in den USA unterwegs und erzählt davon, wie freundlich und höflich alle waren. Ich will wissen, warum mich manche Menschen auf der Straße ignorieren, wenn ich nach dem Weg frage, Albert regt sich wahnsinnig darüber auf, dass seine Landsleute unhöflich sind. Leonid findet es bescheuert, ständig zu lächeln. Wenn ihn jemand auf der Straße grundlos anlächelt, denkt er auch, der wär geistesgestört. Das habe ich gemerkt, habe ich das doch schon oft probiert. Warum das so ist, weiß Leonid nicht, aber er findet es nicht schlimm, ihn nervt zu viel Freundlichkeit unter Fremden. Albert sagt, kommt, wir werden jetzt wahnsinnig höflich sein und öfter lächeln! Irgendwer sagt, ach na ja, so schlimm sind wir Russen auch nicht, wenn man uns kennt, sind wir doch wahnsinnig warmherzig. Das bestätige ich natürlich leidenschaftlich, allerdings kann ich nicht mit jedem auf der Straße befreundet sein, wenn ich wissen will, wo die Post ist.
Ich soll Fisch essen verweigere mich aber, mein Magen ist voll.
Albert holt seine Gitarre raus. Lasst uns lieber zusammen singen und nicht streiten. Ich sage, dass doch niemand gestritten hätte, man kann doch verschiedener Meinung sein und sich trotzdem mögen. Jetzt grinst Leonid zu mir herüber. Ich erzähle vom Petersburger Dialog, während Albert seine Gitarre auf den Oberschenkeln abgelegt hat und noch nicht spielt. Wir planen einen Uljanowsker Dialog, nächstes Jahr bringe ich deutsche Freunde mit und wir räumen weiter Klischees aus der Welt, zusammen.
… und wenn wir alle endlich richtiges Geld verdienen, kommen wir nach Berlin und machen den Uljanowsker-Dialog auch mal da, sagt Pascha. Ich freu mich über den Abend und darf mir als Gast das erste Lied wünschen. Natürlich will ich Kino hören, DDT und Nautilus Pompilius. Albert kann all die Songs spielen und ich bin schon so weit, dass ich ein paar Refrains mitsingen kann. Zwischen den Liedern erzählt Albert
mir Geschichten über die Songs, was sie bedeuten und welche Rolle sie in der Russischen Geschichte gespielt haben (dazu später noch mehr). Bei Kakda tweuja dewutschka balna von Kino werden wir laut, der Text ist einfach.
Die Sonne scheint, aber Du brauchst sie nicht, weil Dein Mädchen krank ist, Du willst nicht ins Kino, hast den Appetit verloren, gehst in den Supermarkt, um Wein zu kaufen, bist traurig, weil Dein Mädchen krank ist, zur Party gehst Du allein, weil Dein Mädchen krank ist.
Auf dem Heimweg sagt Albert: „They all love you here, because you are interested in them, because you ask.”
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16. Oktober 2008 um 20:59 Uhr
hallo Diane,
wieder Mal einfach super. Bleib dabei.
17. Oktober 2008 um 19:14 Uhr
Yeah! As we say “if the mountain don’t go to the Mohammed then the Mohammed will go to the mountain”. If you don’t wanna make english version then i’m using this - http://www.translate.ru/Default.aspx/Text )))
The article becomes really funny after this translating machine though))
17. Oktober 2008 um 20:05 Uhr
@Sasa
Danke. Ich geb alles :)
@Albert
yeah, u have to deserve it :)
and this is the humoristic part of my blog
Diane