Argumentieren mit Friends
Das Karussell quietscht sehr laut und bewegt sich sehr langsam, fast gar nicht. Wir wollen uns ein bisschen bewegen. Bis eben waren wir langsam spazieren oder haben auf einer Bank rum gesessen, Piroschki (gefüllter Blätterteig) und Schokolade gegessen. Wir, das sind Artur, sein Freund Pawel und ich. Der Regen hat aufgehört, die Klettergerüste, Rutschen und Schaukeln sind nass. Trotzdem spielen überall Kinder, es war nur ein kurzer Sommerregen.
Nachdem das Karussell nun also nicht seinen Zweck erfüllt, gehen wir weiter und finden Sportgeräte, besser gesagt, Stangen. Reck-Stangen und Parallel-Balken-Stangen. Hinter uns ragen quadratische, Angst einflößend alte und verkommene Plattenbauten auf. Neben uns fahren Jugendliche mit ihren Rädern eine Half-Pipe hoch und runter und machen gruselige Experimente.
Pawel sagt: „Postmoderne ist, wenn einer sagt: zwei plus zwei sind vier und ein anderer sagt: vielleicht sind zwei plus zwei aber auch drei Komma fünf und der erste sagt: ja, stimmt, kann sein.” Auf die Postmoderne steige ich ein. Nachdem ich bei seinem ersten Anlauf zu müde war und nur genickt habe, als er mich gefragt hat, ob ich glaube, ob alle Menschen gleich sind, bin ich jetzt, auf dem Spielplatz, wieder hellwach. Wir diskutieren über die Pluralität der Meinungen, die Individualisierung, die Artur gar nicht gefällt. Pascha mag Homosexuelle nicht, er sagt, es wurde immer als abnormal angesehen, homosexuell zu sein, schon immer, deswegen ist es die Wahrheit, weil das irgendwoher kommt. Pawel ist 22.
Ich argumentiere europäisch: nur, weil es früher so war, ist es nicht gut. Früher wurden auch Menschen verkauft. Artur sagt „Kruto“ das heißt so viel wie „cool“. Er freut sich wahrscheinlich, dass endlich mal jemand anderes mit Pawel diskutiert. Pawel sagt, das sei was Anderes, mit der Sklaverei, das war nur temporär. Was ist Gerechtigkeit? Wir kommen zu keiner Antwort, können uns lediglich darauf einigen, dass das etwas ist, das wir Menschen niemals erreichen können. Nach einem kurzen Abstecher zur Todessstrafe, die Pawel befürwortet, landen wir bei den Fragen: Was ist Moral? Woher kommt sie? Von Gott oder ist sie Menschengemacht? Und das ist die eigentliche Frage, auf die Pawel von Anfang an hinaus will.
Artur sagt, die Menschen haben sich eben zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten darauf geeinigt, dass zum Beispiel „seinen Nächsten töten“ keine gute Idee ist. Pascha sagt, das könne nicht sein. Gott hätte uns diese Moralvorstellungen geschickt, weil sie überall gelten, weil sie zu verschiedenen Zeiten, auf verschiedenen Kontinenten entstanden sind. Nach fast drei Stunden ernsthafter Diskussion will ich Pawel provozieren. Ich sage, Gott hätte zu wenig geschickt. „In der Postmoderne muss man täglich so viele moralische Entscheidungen treffen, die Gebote reichen mir nicht, ich brauche mehr.“ Er rollt mit den Augen.
Mein Po ist feucht, weil wir uns am Ende doch auf den Boden gesetzt haben und ich weiß auch einfach nicht, ob Gott uns Moralvorstellungen geschickt hat. Ich sage: „Vielleicht sind Aliens auf der Erde gelandet und haben Moral-Vorstellungen postuliert und die Menschen haben sie übernommen.“ Ich denke an eine Friends-Folge, ich denke an Phoebie. Pawel findet das überhaupt nicht lustig, er wird ärgerlich. Artur grinst und macht sich Notizen. „Ich sage ja nicht, dass ich das glaube, aber ich kenne die Wahrheit nicht.“ Damit gibt sich Pawel nicht zufrieden, diese Einstellung wäre typisch postmodern, einfach zu sagen, man wisse es doch nicht und alles könne sein und alles sei richtig. Ich kämpfe für die Individualität, sage, dass ich Angst habe vor Menschen, die glauben, die Wahrheit zu haben, die einzige Wahrheit.
Wir hören uns gegenseitig zu und sind interessiert, die Diskussionskultur ist hervorragend, aber wir kommen nicht zusammen. Artur will wieder ein vereinendes Element. Religion vereine nicht mehr, Politik nicht mehr. Er will Regeln, eine Ideologie. Ich frage ihn, was denn Pluralismus Schlechtes angestellt hätte in seinem Leben, was denn schlimm daran wäre, wenn jeder anders denke, eine andere Meinung habe. Er zuckt mit den Schultern, sagt: “Die Russen sind einfach nicht bereit für Pluralismus.“
Die Klettergerüste, Schaukeln und Rutschen sind bunt angestrichen, himmelblau, sonnengelb, schweinerosa. Der Kinderspielplatz atmet Ideologie, sowjetische. Aber die Farben sind verwittert.
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15. August 2008 um 09:41 Uhr
Hey Diane.
Haben uns mal auf der Zuender-Konferenz kennen gelernt. Und ich weiß nicht mehr wo, aber irgendwo war neulich dein Blog verlinkt. Lese jetzt fleißig mit. Spätestens seit ich letztes Jahr mal in Moskau war, stelle ich mir die Frage “Warum Russland?” nicht mehr.
Schönes Video. Das Ganze erinnert mich auch irgendwie an die Frage, die ich mal in Moskau diskutiert habe: “Wer hat Deutschland von den Nazis befreit?”
Liebste Grüße!
16. August 2008 um 11:46 Uhr
Wie koennte ich Christoph H. vergessen? :)
Und, wer hat?
17. August 2008 um 11:13 Uhr
Die Russen natürlich! – Nicht auch so ein bisschen die Amis und die Briten? – Nein, die Russen! – Und warum war Deutschland dann nach ’45 nicht komplett sowjetisch? – Es waren die Russen! Sagt meine Großmutter. Und die muss es wissen. – Na dann.