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Ankunft

Es ist heiß in Moskau, überall wird gebaut. Die Metro ist immer voll, zu Stoßzeiten mehr, aber sonst eigentlich auch. Und das, obwohl alle paar Sekunden ein Zug kommt. Die Türen schließen mit einem dröhnenden Knall, der Zug fährt ab. Für etwa eine Sekunde ist der Bahnsteig leer, dann ströhmen sie wieder herbei, die Moskauer, aus den anderen Linien, von draußen. Es sind drei Sekunden vergangen und überall sind Menschen. vier-fünf-sechs- man hört den nächsten Zug kommen – sieben – man sieht ihn – acht Sekunden: er ist da. Das Spiel geht von vorne los, der Knall. Sitzt man drin, ist es so laut, dass man sich selbst nicht denken hören kann, der Zug stößt einen hin und her, wirft Omas von den Füßen, weil er abrupt bremst, riecht nach Kabelbrand, Staub und Geschichte. Mit diesen Bahnen, auf diesen Strecken, sind die Menschen schon gefahren, um sich 1953 von Stalin zu verabschieden. Davon lese ich, während ich drin sitze, Ljudmila Ulitzkaja, “Reise in den siebten Himmel”. Und so fühle ich mich, in der Moskauer Metro, wie im Himmel. Neben mir ein mongolischer Gastarbeiter, ganz sicher hat er kein Arbeitsvisum. Vor mir eine dicke Frau mit Bart, an der Tür ein küssendes Pärchen. Sie ist wunderschön, ganz in Lila gekleidet, jung, stylish. Er trägt seine Jeans ein bißchen zu weit unten, ihr gefällts. Gelächelt wird in der Moskauer Metro eigentlich gar nicht. Mir gefällts. Warum, weiß ich nicht, Liebe lässt sich nicht erklären und wer will das schon?

Seit 1935 geht das jetzt so, ob früher in der Metro gelächelt wurde? Ich bezweifle es.

Ab und zu muss man aufstehen, umsteigen. Buch zu, tief einatmen und raus: schnell, nicht zögern, wer zu lange überlegt, ob rechts oder links, wird geschoben und geschubst, außerdem verliert man das Gesicht. Was denn, kennt die sich etwa nicht aus? Egal, loslaufen, konzentrieren. Vorher schon wissen, welche Linie man sucht: welche Farbe? Welche Nummer? Hat man sich für eine Richtung entschieden, gibt es kein Zurück. Treiben lassen von der Menge, den langen Gängen folgen, endlos lange Rolltreppen nehmen, Steintreppen hoch und runter laufen. Ab und zu spielt jemand Geige oder man kann sich einen Hot Dog kaufen, Zahnpasta oder leuchtend blinkendes Spielzeug. Jedesmal, wenn man umsteigt, entdeckt man eine neue Welt. Mosaike von glücklichen Arbeitern, riesenhafte Kronleuchter oder kleine, filigrane Lampen, Bilder von Lenin, verschiedene Farben, Verzierungen, Säulen, alter und dewegen schöner Pomp.

5 Kommentare zu „Ankunft“

  1. ajgul sagt:

    Metro-Hymne!

  2. dianA sagt:

    hey frau hielscher, du schreibst total schön! wenn du ein buch schreibst, kauf ich es mir. ganz viele grüße nach moskau!

  3. korinthenkacker sagt:

    Heißen die Moskauer nicht Moskowiter? (Ankunft)
    Sonst sind die Berichte wirklich toll und schön geschrieben, mach weiter so.

  4. Diane sagt:

    “Moskauer” klingt schoener, finde ich
    :) aber hast Recht.
    Und danke, geb mir Muehe.

  5. anna sagt:

    endlich hab ich es jetzt auch mal gelesen – endlich schreib ich Dir auch mal – wirklich schön geschrieben! hätte gern mehr über die dicke frau mit Bart gelesen ;) wir sollten einen fanclub gründen “Diane-Hielscher-Ultras” oder so. pass auf dich auf.

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