Alte “junge Kunst”
In Moskau findet in diesem Monat die erste Biennale für junge Kunst statt, ich wollte wissen, wie sie aussieht und wie sie sich anfühlt und hab mir ein paar Veranstaltungsorte angeschaut.
„Was wollt Ihr denn hier? Geht in die Sonne, an den See, macht Sport!“ Der alte Mann ist sicher jünger, als er aussieht. Er ist Pförtner vom „Fabrika Projekt“, einer ehemaligen Fabrik, die jetzt als Galerie genutzt wird und er meint es ernst. Sollen wir gehen? „Woher wisst Ihr überhaupt, dass es hier Kunst gibt?“ Mein Begleiter ist verdutzt, sagt: „Aus der Zeitung.“
Ich denke: es ist doch Biennale. „Na, dann geht halt rein.“
Wir gehorchen und schwitzen. Hätten wir vielleicht doch an den See gehen sollen?
Durch eine schwere Eisentür kommen wir in eine große Halle und sind allein mit den Objekten. Italienische Künstler stellen hier aus. Ein Bronze-Mann hat eine riesige Eisenstange im Kopf. Jemand hat bunte Pappkartons gestapelt und es „Russische Ikone“ genannt. Eine riesige Hand hält einen Stein, es gibt eine Lichtinstallation. Keine Informationen zu den Werken. Ein Zettel an der Wand klärt lediglich über eine Gruppe italienischer Künstler auf, die jahrelang missverstanden wurden und jetzt endlich von der Gesellschaft akzeptiert werden. Ein Bild von all dem könnte aus einem Lexikon stammen, unter dem Eintrag „moderne Kunst im 21. Jahrhundert“. Keine Überraschung, nichts Außergewöhnliches, nichts Bewegendes, „alte“ moderne Kunst. Als wir gelangweilt gehen wollen, rauscht der Pförtner wieder an uns vorbei, murmelt: „Diese Menschen zeigen uns den falschen Weg.“Ich stimme ihm in Gedanken zu, meine es aber garantiert anders als er.
Wir befinden uns inmitten eines Industriegebiets, im Nord-Osten Moskaus. Alte, sowjetische Fabriken mit riesigen Säulen, neben ganz neuen, kapitalistischen Bauten. Es ist nicht ersichtlich, was hier hergestellt wurde oder wird, nirgends steht etwas dran, kein Mensch weit und breit, die Sonne brennt unerbittlich. Sollte das „Projekt Fabrika“ ein erster Schritt zur Gentrifizierung eines Viertels sein, dann hat jemand vergessen, an den zweiten zu denken. Oder jemand hat gar nicht gedacht.
Meine zweite Station, diesmal allein, ist das Moskauer Museum für Moderne Kunst, das die Biennale initiiert hat. Es ist im Zentrum, neben wundervollen Altbauten, zwei orthodoxen Kirchen, schicken Restaurants und beeindruckenden, verglasten Bankgebäuden. Der Sicherheitsmann hier ist immerhin höflich, er schickt mich nicht weg und das obwohl mittlerweile 50 Grad herrschen müssen, zumindest in der Sonne.
Im ersten Stockt rauscht einem „I love you“ um die Ohren, es handelt sich um eine Sound-Installation, die eigentlich nur wie Surroundboxen funktioniert, allerdings wie eine Achterbahn aufgebaut ist.
Daneben ein kleiner Raum zum Thema Computerspiele-Kunst, im Flur hängen lustige Fotos, die mit Russischen Klischees spielen. Der Titel eines Bildes, auf dem ein Mann mit Fellmütze Akkordeon spielt, lautet: „Wecke die Mädchen nicht auf.“ Der zweite Stock langweilt mit Portraitmalerei. Der Künstler Edward Gorokovsky benutzt, wie viele vor und sicher noch nach ihm, sowjetische Symbole und Russische Helden, wie Tschechov, für seine Popart, das bringt wenigstens Farbe rein.
Trotzdem ist das ist der Punkt, an dem ich gehen will. Diese Moderne russische Kunst scheint mir nicht zu gefallen. Die anderen Besucher wirken auch nicht grade eckstatisch, es sind wenige, ein paar Studentinnen, ein paar cool gekleidete junge Männer, das ein oder andere Pärchen. Dann fällt mir ein, dass die dicke Frau an der Kasse etwas von drei Stockwerken gesagt hatte. Trotz nicht zu übersehender Schweißflecken und wahnsinnigem Durst hole ich den Fahrstuhl.
Im dritten Stock befassen sich junge Russische Künstler mit dem Thema Migration.
Bilder, Fotos, Foto-Collagen, Video-Installationen, 3D-Installationen, jeder tut es anders. Überall rauscht und fiept es, alles ist farbig und extrem.
Eine leere Stadt, symbolisiert durch einen Café-Tisch, umgeben von Müll glotzt uns in 3D an, Städte geformt aus zerschnipselten Werbanzeigen hängen an den Wänden und tun in den Augen weh, weil die Farben so stark und die Linien so scharf sind. Witzige Fotos von Arbeitssuchende Studenten, mit Pappschildern um den Hals, eine Weltkarte aus Reis, die zeigt, woher die Menschen wohin vor der globalen Erwärmung flüchten, eine leuchtende Karte der USA, mit der Bildunterschrift: „Weltkarte“ und Fotos von der Schule in Beslan, nach der Geiselnahme 2004.
Alles nicht die Neuerfindung des Rads, aber ich verlasse einigermaßen befriedigt die Galerie, freue mich aber schon auf die nächste Station: Winzavod. Heißt: Weinfabrik und war früher genau das. Die Metro bringt mich wieder in den Osten der Stadt.
Die Sonne wird langsam müde und die Besucher auf dem Gelände der Winzavod scheinen auch genug von Kunst zu haben, es ist gleich sieben. Sie lümmeln auf den Bänken des Fabrikareals, rauchen und kichern. Der Hof ist umgeben von niedrigen, roten Backsteinhäusern. Manche sind sichtlich neu renoviert, andere sehen abrissreif aus. Eintritt muss man hier nicht bezahlen.
Rechts ein kleines Auto, mit künstlichem Gras überzogen, das Musik spielt, gradezu eine Wand, an der sich Graffiti-Künstler austoben konnten, links die Galerie, in der grade die „World-Press-Foto-Ausstellung“ läuft. Ich entscheide mich für die Tür neben dem Gras-Auto. In den Gemäuern ist es kühl und interessant. Verschiedene kleine Galerien drängen sich dicht an dicht nebeneinander, in den Gängen ist es leer, nur wenige Besucher schlendern entspannt durch die Fabrik. Alles sehr „avantgarde“, sehr unbeschreiblich, oft bunt, ein paar Brüste, die ein oder andere Vagina, manchmal Gegenstände, von denen wohl nur Russen wissen, was man mit ihnen macht. Mein eindeutiger Favorit ist eine kleine Foto-Galerie. Das Bild eines Moskauer Supermarktparkplatzes im Winter lässt mich frieren: Ein paar Einkaufswagen stehen verlassen und chaotisch herum, es liegt Schnee und Müll, der Himmel ist grau, das Licht blau und hart.
Daneben Bilder aus Murmansk, Krasnojarsk, Nowosibirsk, auch kalt, hart, überzeichnet, nachbearbeitet, großartig. Der Fotograf Alexander Gronsky bringt mich dazu, 20 Euro für eine Zeitschrift für russische Fotografie auszugeben.
Die Gegend um die Winzavod ist viel versprechend. Auch ein ehemaliges Industrieviertel zwar, allerdings in der Nähe eines Bahnhofs, es gibt ein paar Restaurants, die ein oder andere Bar. Vielleicht kann Kunst ja hier „gentrifizieren“.
Was ich bei der ersten Biennale für junge Kunst in Moskau gesehen habe, ist sehr brave, regelkonforme Kunst, die heutzutage nur noch einen Pförtner erschrecken kann.
Aber die ersten Schritte sind gemacht, immer mehr Fabriken werden als Galerien benutzt, immer mehr Orte für junges kreatives Volk geschaffen.
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