4:20, Saratov, Bahnhof
Der Mann ist um die 40, schaetze ich. Er ist breit und gross, traegt ein Holzfaellerhemd. “Taxi?” blafft er mich an. “Ja, gleich!” blaffe ich im gleichen Ton zurueck. “Adresse!”, “Ja, GLEICH! Muss ich erst erfragen!” Wir haben den gleichen Ton gefunden und laufen jetzt zusammen durch den Tunnel, der die Bahnsteige und das Bahnhofsgebaeude verbindet. Es ist 4 Uhr 20, ich bin in Saratov und es ist stockdunkel.
Ich rufe Anastasia an, sie sagt dem Taxifahrer die Adresse des Hotels, wir fahren los. Der unfreundliche Mann schmeisst meinen Rucksack in den Kofferraum und verwandelt sich hinter dem Steuer plotezlich in einen warmherzigen Menschen. Wo ich denn schon ueberall gewesen sei, will er wissen. Ich will wissen, ob Saratov eine schoene Stadt ist. Das Wolga-Ufer, das muesse ich sehen, das sei hier besonders schoen, sagt er. In der Innenstadt angekommen, stellt sich heraus, dass ich ein Problem habe. Vier Stunden muss ich hier auf Anastasia warten, sie wohnt in einer anderen Stadt, hat kein Auto und konnte mich deswegen nicht morgens um vier vom Bahnhof abholen. Kein Problem, hab ich gesagt (von wem bitte wuerde ich sowas verlangen!?), ich warte einfach und wir treffen uns dann auf Deinem Weg zur Arbeit.
Ich hatte allerdings angenommen, hier ein Cafe zu finden, das schon geoeffnet hat. Das stellt sich nun, auf dem dunklen Platz, als naiv heraus. Nicht mal McDonalds hat geoeffnet. Ein kleines Fahrzeug der Stadtreinigung spritzt Wasser auf den Asphalt. Ein bisschen gruselig ist es schon. Mein Taxifahrer ist verzweifelt. Was soll er denn nun mit der kleinen Deutschen machen? Ich versuche ihn zu beruhigen. “Kein Problem, ich warte am Bahnhof.” Kopfschuettelnd, faehrt er mich wieder zurueck und findet es unmoeglich, dass mich keiner abholt. Ich erklaere ihm die Situation. NEIN! Das ginge doch nicht…
Ihm Bahnhofscafe lasse ich mich auf einen der Plastikstuehle fallen. Ueber uns steht Baltika 7 auf dem Dach, um das Cafe herum ist ein kleiner Holzzaun aufgebaut. Auf den Baenken sitzen Maenner und spielen Karten, um Geld, aus dem Radio kommt russischer Pop, sehr laut. Mein Taxifahrer erzaehlt ihnen meine Geschichte. Sie rufen ein paar deutsche Worte (”Traktor!”), lachen und spielen weiter Karten. Ich habe jetzt sechs neue Freunde in Saratov. Die Huehnerbeine in der beleuchteten Theke sehen aus, als waere es sehr lange her, dass sie gelaufen sind. Mein Taxifahrer bringt mir suessen, heissen Tee. “Oder lieber Bier?” Ich gebe zu, ich ueberlege kurz, es ist ja quasi dunkel. Nein, nein, lieber Tee. Ich erfahre, dass er schoen 50 ist und sein Enkel drei. “Zehn Jahre lebe ich noch, dann ist schluss,” sagt er und zeigt beim Lachen das Gold in seinem Mund. Er will wissen, warum ich noch nicht verheiratet bin, mit 29! “Bald, bald,” sage ich, wie immer, wenn mit dieser Frage ein sehr mitleidiger Blick einher geht.
Es ist frisch in Saratov, hier ist der Herbst offenbar schon angekommen. Um das Cafe schleichen dunkle Gestalten, wie man sie in jeder Stadt um den Bahnhof findet. Eine von ihnen traegt ein Camouflage-Hemd, eine Fliegerbrille, Badelatschen und laeuft immer hektisch hin und her. Ein anderer Mann beobachtet mich rauchend und neugierig. Egal, lass sie doch. Ich fuehle mich wohl, zwischen den Karten zockenden Taxifahrern, so wohl, dass ich all mein Gepaeck, samt Laptop, bei ihnen stehen lassen und ins Bahnhofsgebaeude gehe, um mir etwas zu Essen zu kaufen. Den Huehnerbeinen hier draussen traue ich nicht. ”Koennen sie auf meine Sachen aufpassen?” Die Maenner nicken. Bepackt mit Kartoffelsalat, Piroschki mit Kartoffelfuellung und Schnitzel komme ich wieder raus, natuerlich ist mein Gepaeck noch da. Wenn mir langweilig wird, in Saratov, koenne ich jederzeit zu ihm kommen, er sei jede Nacht hier, sagt mein Taxifahrer. Ich nicke und grinse. Die anderen machen sich ueber ihn lustig, er soll nicht mit so jungen Dingern flirten. Die Maenner haben keine Zigaretten mehr, ich gebe ihnen meine. Um sechs machen alle Feierabend, der Himmel wird rosa, Lenin zeigt auch hier nach Osten.
Die Busse fahren mittlerweile wieder, der Bahnhofsvorplatz fuellt sich mit Menschen, die schnell zur Arbeit muessen. Mir liegt das fettige Bahnhofsessen schwer im Magen, die Zigaretten sind alle. Aber Russland war wieder Mal ganz wundervoll zu mir, morgens um halb fuenf.
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11. September 2008 um 09:31 Uhr
!!! Die Sachen bei den fremden Leuten stehen lassen!!!! Frau Hielscher…
Du hast wie immer Glueck!
Hast du dir warme Sachen besorgt? In Moskau ist es nur 7 Grad!